Kapitel A · Die Pflanze
Coffea — die Gattung
Kaffee stammt aus den Samen der Früchte von Pflanzen der Gattung Coffea. Die Gattung gehört zur Familie der Rötegewächse (Rubiaceae). Zu ihr zählen zahlreiche Arten; für den internationalen Kaffeemarkt sind vor allem Coffea arabica und Coffea canephora bedeutend. Die Pflanzen bilden Blüten und anschliessend Früchte, die gewöhnlich als Kaffeekirschen bezeichnet werden. Im Inneren befinden sich meist zwei Samen, die nach der Aufbereitung als Rohkaffee gehandelt werden.
Quelle: World Coffee Research – Coffee Varieties Catalog – https://varieties.worldcoffeeresearch.org/about-the-catalog/whats-included
Arabica (Coffea arabica)
Arabica ist die weltweit bedeutendste Kaffeeart und wird besonders für ihre aromatische Vielfalt und Feinheit geschätzt. Botanisch ist sie eine Besonderheit: Sie entstand durch eine natürliche Kreuzung der Arten Coffea canephora und Coffea eugenioides. Eine genetische Untersuchung von 2024 datiert dieses Ereignis auf etwa 350’000 bis 610’000 Jahre vor heute.
Arabica besitzt 44 Chromosomen und damit doppelt so viele wie ihre beiden Elternarten. Sie kann sich selbst bestäuben und weist insbesondere in ihren verbreiteten Kulturlinien eine vergleichsweise geringe genetische Vielfalt auf. Das macht viele traditionelle Varietäten empfindlich gegenüber Krankheiten und Veränderungen der Anbaubedingungen.
Arabica gedeiht häufig in tropischen Hochlagen, wo gemässigte Temperaturen und geeignete Niederschlagsverhältnisse eine langsame Fruchtreifung ermöglichen. Je nach Varietät, Standort und Aufbereitung entfaltet sie ein breites Aromenspektrum: von Blüten und Zitrusfrüchten über reife Beeren bis zu Nüssen, Kakao und Schokolade. Ihre differenzierte Säure und Süsse machen sie besonders interessant für Kaffees, bei denen der Charakter der Herkunft im Mittelpunkt steht.
Dieser Anspruch hat seinen Preis. Arabica benötigt häufig aufwendigere Anbaubedingungen, ist anfälliger für bestimmte Krankheiten und erzielt am Weltmarkt in der Regel deutlich höhere Preise als Robusta. Diese Unterschiede wirken sich auch auf die Produktionskosten und letztlich auf den Preis des fertigen Kaffees aus. Ein höherer Rohkaffeepreis ist dabei nicht automatisch ein Qualitätsbeweis – innerhalb beider Arten gibt es erhebliche Unterschiede.
Innerhalb der Art existieren zahlreiche Varietäten, die sich in Wuchs, Ertrag, Widerstandsfähigkeit und sensorischem Potenzial unterscheiden. Wie bei den Rebsorten des Weins ist Arabica deshalb keine einheitliche Geschmacksrichtung, sondern eine ganze Welt unterschiedlicher Charaktere.
Quelle: Scalabrin et al. (2024), The genome and population genomics of allopolyploid Coffea arabica, Nature Genetics – https://doi.org/10.1038/s41588-024-01695-w; World Coffee Research – https://varieties.worldcoffeeresearch.org/
Robusta (Coffea canephora)
Robusta ist nach Arabica die zweitwichtigste kommerziell angebaute Kaffeeart. Sie stammt aus den tropischen Wäldern Afrikas und wird heute insbesondere in Vietnam, Brasilien, Indonesien und Uganda kultiviert.
Im Vergleich zu Arabica verträgt Robusta häufig höhere Temperaturen und kann auch in tieferen Lagen angebaut werden. Viele ihrer Anbauformen sind ertragreicher und widerstandsfähiger gegenüber bestimmten Krankheiten. Sie enthält zudem in der Regel deutlich mehr Koffein, das der Pflanze unter anderem als natürlicher Schutzstoff dient.
Robusta enthält im Durchschnitt etwa doppelt so viel Koffein wie Arabica. Bei gleichem Gewicht an Kaffeemehl und einer vergleichbaren Zubereitung enthält eine Tasse aus 100 % Robusta deshalb im Regelfall mehr Koffein als eine Tasse aus 100 % Arabica. Wie gross der Unterschied tatsächlich ausfällt, hängt neben der Kaffeesorte von Dosierung, Mahlgrad und Extraktion ab. Als Grössenordnung wurden in Untersuchungen häufig etwa 0,8–1,5 % Koffein für gerösteten Arabica und etwa 1,8–2,6 % für Robusta gemessen; einzelne Sorten und Proben können abweichen.
Geschmacklich unterscheidet sich Robusta deutlich von Arabica. Sie zeigt häufig weniger aromatische Feinheit und eine geringere wahrgenommene Säure, dafür mehr Bitterkeit und einen kräftigen Körper. Typisch sind erdige, holzige, nussige oder schokoladige Noten. Bei der Espressozubereitung kann sie ausserdem zu einer besonders dichten und beständigen Crema beitragen.
Robusta spielt traditionell vor allem in süditalienischen Espressomischungen eine wichtige Rolle. Dort wird sie für ihren kräftigen Charakter, ihren Körper und ihre Crema geschätzt. Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Aspekt: Aufgrund häufig höherer Erträge und geringerer Produktionskosten ist Robusta am Rohkaffeemarkt normalerweise günstiger als Arabica. Ihr Einsatz kann deshalb auch dazu beitragen, die Kosten einer Espressomischung zu begrenzen.
Die Entscheidung zwischen Arabica und Robusta ist somit nicht allein eine Frage der Stärke oder der Crema, sondern auch eine Frage des gewünschten Geschmacksprofils und der Positionierung eines Kaffees.
Quellen: World Coffee Research – https://varieties.worldcoffeeresearch.org/; International Coffee Organization (Marktstatistik und Preisreihen) – https://www.ico.org/; de Mejia & Ramirez-Mares / Review (2019), Caffeine Consumption through Coffee, Beverages 5(2), 37 – https://doi.org/10.3390/beverages5020037
Liberica und Excelsa
Neben Arabica und Robusta gibt es weitere Kaffeearten, die kommerziell eine wesentlich kleinere Rolle spielen. Dazu gehören Liberica und Excelsa.
Coffea liberica stammt aus Westafrika und unterscheidet sich von den bekannteren Kaffeearten unter anderem durch ihre grossen Blätter, Früchte und Samen. Sie wird heute beispielsweise in Teilen Südostasiens angebaut. Ihr sensorisches Profil kann ausgeprägt und ungewöhnlich sein, mit holzigen, fruchtigen oder würzigen Eindrücken.
Excelsa wurde lange als Varietät von Liberica eingeordnet. Neuere genetische Untersuchungen sprechen jedoch dafür, sie als eigenständige Art unter dem Namen Coffea dewevrei zu führen. Sie stammt aus Zentralafrika und unterscheidet sich von Liberica sowohl genetisch als auch in verschiedenen botanischen Merkmalen.
Beide Arten gewinnen in der Forschung Aufmerksamkeit, weil ihre unterschiedlichen Anpassungen an Umweltbedingungen für die Zukunft des Kaffeeanbaus interessant sein könnten. Sie zeigen, dass die botanische Vielfalt des Kaffees weit über Arabica und Robusta hinausreicht.
Quellen: World Coffee Research – https://worldcoffeeresearch.org/; botanische Taxonomie: Plants of the World Online, Kew – https://powo.science.kew.org/
Varietäten – die Rebsorten des Kaffees
Was beim Wein die Rebsorte ist, ist beim Kaffee die Varietät: Sie beeinflusst nicht nur den Wuchs, den Ertrag und die Widerstandsfähigkeit einer Pflanze, sondern auch ihr geschmackliches Potenzial. Ob daraus tatsächlich ein hervorragender Kaffee entsteht, hängt zusätzlich von Klima, Boden, Anbau, Aufbereitung und Röstung ab.
Viele der weltweit verbreiteten Arabica-Kultursorten gehen auf zwei historische Linien zurück: Typica und Bourbon. Doch die Vielfalt des Kaffees reicht weit darüber hinaus – von äthiopischen Landrassen bis zu modernen Kreuzungen, die gezielt auf Qualität und Widerstandsfähigkeit gezüchtet werden.
Typica – Eine der ältesten und einflussreichsten Arabica-Linien. Von Äthiopien über den Jemen gelangte sie nach Indien, Java und Amsterdam und verbreitete sich von dort nach Amerika. Typica ist für ihr hohes Qualitätspotenzial bekannt, bringt jedoch vergleichsweise geringe Erträge und ist anfällig für wichtige Kaffeekrankheiten.
Bourbon – Benannt nach der Insel Bourbon, dem heutigen La Réunion, auf die französische Missionare im frühen 18. Jahrhundert Kaffeepflanzen aus dem Jemen brachten. Bourbon ist eine weitere bedeutende Ausgangslinie zahlreicher heutiger Varietäten. Bei geeigneten Anbaubedingungen kann sie besonders ausgewogene, süsse und komplexe Kaffees hervorbringen.
Caturra – Eine natürliche Mutation von Bourbon, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Brasilien entdeckt wurde. Ihr kompakter Wuchs ermöglicht eine dichtere Bepflanzung. Caturra wurde zu einer der prägenden Varietäten Mittelamerikas und spielt bis heute eine wichtige Rolle in der Kaffeezüchtung.
Catuaí – Eine brasilianische Kreuzung aus Caturra und Mundo Novo. Sie verbindet einen relativ kompakten Wuchs mit gutem Ertragspotenzial und wird sowohl mit roten als auch mit gelben Kaffeekirschen angebaut. Trotz ihrer Produktivität ist sie anfällig für Kaffeerost.
Gesha (Geisha) – Ursprünglich aus Äthiopien stammend, wurde diese Varietät in Panama weltberühmt. 2004 sorgte ein Gesha der Hacienda La Esmeralda beim Wettbewerb «Best of Panama» für Aufsehen. Besonders geschätzt werden die aussergewöhnlich floralen, manchmal an Jasmin, Bergamotte oder Tee erinnernden Aromen. Allerdings tragen nicht alle Kaffees mit der Bezeichnung Gesha dieselbe genetische Herkunft.
SL28 und SL34 – Zwei in den 1930er-Jahren in Kenia von den Scott Agricultural Laboratories selektierte Varietäten. Beide sind für ihr hohes Qualitätspotenzial bekannt und haben den Ruf kenianischer Spitzenkaffees mitgeprägt. Genetisch sind sie nicht identisch: SL28 ist eher mit Bourbon, SL34 mit Typica verwandt.
Äthiopische Landrassen – Äthiopien beherbergt eine aussergewöhnliche Vielfalt ursprünglicher Arabica-Populationen. Viele davon werden unter Sammelbezeichnungen wie «Heirloom» gehandelt, obwohl sich dahinter unterschiedliche genetische Herkünfte verbergen. Diese Vielfalt bildet eine wichtige Grundlage für die Zukunft des Kaffeeanbaus und eröffnet ein grosses sensorisches Spektrum.
Timor-Hybrid und Catimor – Auf der Insel Timor entstand im 20. Jahrhundert eine natürliche Kreuzung zwischen Arabica und Robusta. Sie brachte Eigenschaften mit, die für die Züchtung kaffeerostresistenter Pflanzen wertvoll wurden. Durch Kreuzungen mit Caturra entwickelte man daraus die Catimor-Familie. Solche Züchtungen zeigen, dass Widerstandsfähigkeit und gutes Qualitätspotenzial keine Gegensätze sein müssen.
Bei Amici: Auf der Finca Mariposa in Junín, Peru, werden auf rund 1’900 Metern Höhe mehr als zwölf Arabica-Varietäten kultiviert. Auf der 35 Hektar grossen Farm sind etwa 25 Hektar dem Kaffeeanbau gewidmet; die Pflanzen wachsen in einem vielfältigen Agroforstsystem. Verschiedene Varietäten nebeneinander zu beobachten, hilft zu verstehen, wie Genetik und Standort zusammenwirken – ohne daraus automatisch eine bestimmte Geschmacksnote abzuleiten.
Quellen: World Coffee Research, Arabica Varieties Catalog – https://varieties.worldcoffeeresearch.org/arabica/varieties; Hacienda La Esmeralda, Sortengeschichte – https://haciendaesmeralda.com/our-story/
Höhe, Klima und Dichte
«Hochlandkaffee» beschreibt mehr als eine geografische Angabe. Mit zunehmender Höhe sinkt häufig die durchschnittliche Temperatur. Unter geeigneten Bedingungen reifen Kaffeekirschen dadurch langsamer: Die Pflanze hat mehr Zeit, ihre Samen auszubilden. Das kann die Zusammensetzung der Rohbohnen, ihre Dichte und das spätere Aromapotenzial beeinflussen.
Die Zusammenhänge sind jedoch nicht mechanisch. Wie dicht eine Bohne wird und wie sie in der Tasse schmeckt, hängt ebenso von Varietät, Niederschlag, Sonneneinstrahlung, Nährstoffversorgung und Aufbereitung ab. Eine hohe Lage garantiert daher weder besonders dichte Bohnen noch hervorragenden Kaffee. Umgekehrt kann auch Kaffee aus tieferen Lagen aussergewöhnlich schmecken.
In manchen Anbauländern werden Höhenklassen im Rohkaffeehandel als «Hard Bean» oder «Strictly Hard Bean» bezeichnet. Solche Handelsbezeichnungen orientieren sich an regionalen Höhenstufen; sie ersetzen keine tatsächliche Dichtemessung und keine sensorische Qualitätsprüfung.
Entscheidend ist zudem der Breitengrad: Was in Äthiopien als kühle Hochlage gilt, kann in weiter vom Äquator entfernten Anbaugebieten bereits in geringerer Höhe erreicht werden. Nicht die Meterzahl allein prägt den Kaffee, sondern das Zusammenspiel aus Temperatur, Klima und Pflanzenentwicklung.
Bei Amici: Die Finca Mariposa liegt in Junín, Peru, auf rund 1’900 Metern, die Golden Farm in der äthiopischen Region Guji auf etwa 2’200 Metern. Beide Standorte veranschaulichen, wie unterschiedliche Hochlagen und Mikroklimata den Kaffeeanbau prägen.
Quellen: Sarzynski et al. (2023), Genetic–environment interactions and climatic variables effect on bean physical characteristics and chemical composition of Coffea arabica, Journal of the Science of Food and Agriculture – https://doi.org/10.1002/jsfa.12544; Shade and Altitude Implications on the Physical and Chemical Attributes of Green Coffee Beans from Gorongosa Mountain, Mozambique (2022), Agronomy – https://doi.org/10.3390/agronomy12102540
Terroir
Der Begriff «Terroir» stammt aus der Weinwelt. Er beschreibt das Zusammenspiel von Herkunft, natürlichen Bedingungen und menschlicher Arbeit, das einem landwirtschaftlichen Produkt seinen eigenen Charakter verleiht. Auch beim Kaffee ist die Frage spannend: Wie viel einer Tasse erzählt vom Ort, an dem die Kirschen gewachsen sind?
Zur Herkunft gehören weit mehr als ein Land oder eine Höhenangabe. Temperatur und Regenverteilung, Bodenstruktur, Hanglage und Schatten beeinflussen das Wachstum der Pflanze. Hinzu kommen die angebaute Varietät, die Ernte und die Aufbereitung nach dem Pflücken. Gemeinsam können diese Faktoren die Zusammensetzung und die sensorischen Eigenschaften eines Kaffees prägen.
Dabei gibt es keine einfachen Geschmacksformeln. Vulkanischer Boden erzeugt nicht automatisch eine bestimmte Säure, und auch zwei Kaffees aus derselben Region können völlig unterschiedlich schmecken. Die Röstung und die Zubereitung beeinflussen zusätzlich, welche Eigenheiten wahrnehmbar werden. Wer Herkunftsunterschiede wirklich vergleichen möchte, sollte die Kaffees deshalb möglichst unter ähnlichen Bedingungen rösten und zubereiten.
Terroir ist somit keine Geschmacksnote und kein Qualitätsversprechen. Es ist eine Art, Kaffee als landwirtschaftliches Produkt zu verstehen: geprägt von einem konkreten Ort und den Entscheidungen der Menschen, die dort arbeiten.
Quellen: Scholz et al. (2018), The typicity of coffees from different terroirs, Food Research International – https://doi.org/10.1016/j.foodres.2018.07.058; Williams et al. (2022), Does Coffee Have Terroir and How Should It Be Assessed?, Foods – https://doi.org/10.3390/foods11131907
Anbaumethoden – Vollsonne, Halbschatten und Agroforst
Wie Kaffee angebaut wird, unterscheidet sich von Land zu Land und oft sogar zwischen benachbarten Farmen. Noch bevor über Schattenbäume und Pflanzabstände entschieden wird, muss die Topografie des Standorts verstanden werden. Danach spielen Höhe, Klima, Licht, Boden, Wasser und die Wahl der Kaffeepflanzen zusammen. Vollsonne, Halbschatten und Agroforst sind keine drei strikt getrennten Kategorien: Vollsonne und Halbschatten betreffen vor allem das Lichtangebot; Agroforst bezeichnet die bewusste Kombination von Kaffee mit Bäumen oder anderen Gehölzen. Auch ein Agroforstsystem kann nur mässig beschattet sein.
Topografie – der Standort bestimmt die Möglichkeiten
An erster Stelle steht häufig das Gelände selbst: Hangneigung, Ausrichtung zur Sonne (Exposition), Höhenlage und Lage am Hang beeinflussen Sonneneinstrahlung, Temperatur, Wind, Wasserabfluss und Erosionsrisiko. Auf einer sonnigen Hangseite können Hitze und Trockenstress dominieren; in tieferen Geländepositionen können dagegen Feuchtigkeit oder Staunässe zum Problem werden. Welche Hangausrichtung mehr Sonne erhält, hängt von der geografischen Lage und dem Sonnenstand ab. Auch Böden und Mikroklimata können sich innerhalb derselben Farm deutlich unterscheiden.
Die Topografie bestimmt zudem den Arbeitsalltag: Steile oder schwer zugängliche Lagen erschweren Wege, Pflege, Ernte und den Einsatz von Maschinen. Dort können selektive Handlese, standortgerechte Pflanzabstände, eine geeignete Bodenbedeckung und Erosionsschutz besonders wichtig sein. Auf flacheren Flächen sind andere Anbausysteme und eine stärkere Mechanisierung möglich. Es gibt deshalb kein universell richtiges System für jede Farm – zunächst muss man den Standort lesen.
Vollsonne (Full Sun) – Kaffee auf offenen Flächen
Bei dieser Anbauform stehen Kaffeepflanzen weitgehend ohne übergeordnetes Blätterdach. Ihre Anordnung in Reihen erleichtert auf geeigneten Flächen die Pflege und gegebenenfalls den Maschineneinsatz. Bei ausreichender Wasserversorgung, passender Düngung und guter Bewirtschaftung sind hohe Erträge möglich. Gleichzeitig sind die Pflanzen direkter Sonneneinstrahlung, Hitze und Wind ausgesetzt; die Bodenoberfläche kann sich stärker erwärmen und mehr Wasser verlieren. Das erhöht an manchen Standorten den Bedarf an Bewässerung oder anderen Schutzmassnahmen. Vollsonnenanbau bedeutet nicht automatisch den Einsatz von Pestiziden, ebenso wenig wie Schattenanbau automatisch biologisch ist.
Halbschatten (Semi-Shade) – Licht gezielt regulieren
Hier wachsen Kaffeepflanzen unter einzelnen Schattenbäumen oder einem locker geführten Kronendach. Die Bäume können extreme Temperaturen abmildern und die Kaffeepflanzen vor intensiver Strahlung schützen. Gleichzeitig bleibt genügend Licht für die Photosynthese und die Fruchtbildung. Wie viel Schatten sinnvoll ist, hängt von Varietät, Temperatur, Wasserverfügbarkeit und Pflanzdichte ab. Studien zeigen, dass mässig beschattete Systeme unter bestimmten Bedingungen ähnliche Erträge erreichen können wie Vollsonnenkulturen. Eine universell optimale Beschattung in Prozent gibt es jedoch nicht.
Agroforstwirtschaft (Agroforestry) – Kaffee als Teil eines vielfältigen Systems
Im Agroforstsystem wird Kaffee gezielt mit Bäumen und manchmal weiteren Nutzpflanzen kombiniert. Einfache Systeme nutzen wenige Schattenbaumarten; komplexere Pflanzungen vereinen unterschiedliche Arten und Höhenstufen, etwa hochwachsende Gehölze, kleinere Obstbäume und Kaffee im Unterwuchs. Die Bäume können Früchte oder andere Erzeugnisse liefern, Laubstreu für die Bodenbedeckung bereitstellen und Lebensräume für Tiere schaffen. Ein artenreicher Agroforst ist deshalb ökologisch etwas anderes als eine Pflanzung mit einer einzigen Schattenbaumart.
Diese Vielfalt erfordert jedoch Bewirtschaftung. Baumkronen müssen gegebenenfalls ausgelichtet werden, damit genügend Licht zur Kaffeepflanze gelangt. Je nach Art können Bäume mit dem Kaffee auch um Wasser und Nährstoffe konkurrieren. Zusätzliche Vegetation kann die Arbeit und Ernte erschweren, und ein feuchteres Mikroklima kann bestimmte Pflanzenkrankheiten begünstigen. Die Kunst besteht darin, die Arten und ihre räumliche Anordnung dem Standort anzupassen.
Beeinflussen Frucht- und Schattenbäume auch den Geschmack?
Die Auswahl der Baumarten kann über den ökologischen Nutzen hinaus auch für den Kaffee selbst eine Rolle spielen. Mango-, Avocado- oder andere Fruchtbäume unterscheiden sich etwa in Kronenform, Jahresrhythmus, Wurzelverhalten und Laubstreu. Dadurch können sie Beschattung, Mikroklima, Wasserhaushalt und Nährstoffkreisläufe verändern. Diese Bedingungen wiederum beeinflussen die Entwicklung und Reifung der Kaffeekirschen sowie die chemischen Ausgangsstoffe, aus denen beim Rösten Aromen entstehen.
Wissenschaftliche Untersuchungen liefern dazu ein differenziertes Bild: In einem Langzeitversuch in Costa Rica unterschieden sich bei verschiedenen Agroforstsystemen die gemessenen flüchtigen Verbindungen im gerösteten Kaffee. Eine Untersuchung in Äthiopien fand bei mehreren Schattenbaumarten zwar Unterschiede in Bodeneigenschaften, jedoch keinen signifikanten Effekt auf die sensorische Tassenqualität. Somit können Baumart und Anbausystem Einfluss haben, doch die Wirkung hängt vom Standort und zahlreichen weiteren Faktoren ab. Dass neben Mangobäumen angebauter Kaffee automatisch nach Mango schmeckt, lässt sich daraus nicht ableiten: Ein direkter Übergang des Fruchtaromas auf die Kaffeebohnen ist damit nicht nachgewiesen.
Ertrag, Qualität und Umweltwirkung – keine einfache Rangfolge
Mehr Schatten bedeutet nicht zwangsläufig bessere Tassenqualität; Vollsonne bedeutet nicht zwangsläufig schlechten Kaffee. Sensorisches Potenzial entsteht aus Varietät, Klima, Reifegrad, Bodenversorgung und Verarbeitung. Auch der Ertrag hängt vom Anbausystem und seiner Führung ab. In einer Metaanalyse mit Daten aus 142 Studien zeigten sich bei moderater Beschattung teilweise Erträge auf dem Niveau von Vollsonnensystemen; bei stärkerer Beschattung konnten Erträge sinken. Eine weitere Metaanalyse zeigt, dass einzelne Arabica-Varietäten sehr unterschiedlich auf Schatten reagieren. Für Biodiversität sind besonders Baumartenvielfalt, Habitatstruktur und die Verbindung zu natürlichen Lebensräumen entscheidend.
Biologisch und biodynamisch sind andere Fragen
Die Lichtverhältnisse allein sagen auch nichts darüber aus, ob eine Farm konventionell, biologisch oder nach biodynamischen Prinzipien bewirtschaftet wird. Diese Begriffe beziehen sich auf andere Aspekte der landwirtschaftlichen Praxis, etwa Betriebsmittel, Bodenpflege und Anbauregeln. Sie sollten nicht mit Vollsonne, Halbschatten oder Agroforst gleichgesetzt werden. Ob eine bestimmte Farm oder Kaffeecharge zertifiziert ist, muss zudem anhand eines gültigen Nachweises beurteilt werden.
So unterschiedlich die Systeme sind, so unterschiedlich fallen ihre ökologischen und wirtschaftlichen Ergebnisse aus. Entscheidend ist nicht eine möglichst einfache Etikette, sondern die Frage, wie gut Pflanzenwahl, Standort, Licht, Boden und Bewirtschaftung zusammenpassen.
Quellen: Mokondoko, Ávila-Foucat & Galeana-Pizaña (2022), Meta-Analyse zu Ertrag und Ökosystemleistungen, Agriculture, Ecosystems & Environment – https://doi.org/10.1016/j.agee.2022.108024; Koutouleas et al. (2022), Vergleich von Arabica-Varietäten unter unterschiedlicher Beschattung, Agronomy for Sustainable Development – https://doi.org/10.1007/s13593-022-00788-2; Manson et al. (2024), Meta-Analyse zu Schatten und Biodiversität – https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2024.169882; Assis Silva et al. (2018), Einfluss von Klima, Topografie und Lage im Gelände auf Kaffeequalität – https://doi.org/10.9734/JEAI/2018/41499; Xu et al. (2022), Impact of agro-forestry systems on the aroma generation of coffee beans, Frontiers in Nutrition – https://doi.org/10.3389/fnut.2022.968783; Getachew et al. (2023), Effects of shade tree species on soil biogeochemistry and coffee bean quality – https://doi.org/10.1016/j.agee.2023.108354
Schattenanbau und Agroforst
Nicht allein die Menge an Schatten, sondern vor allem die Vielfalt und Struktur der Bäume bestimmt, welche ökologischen Funktionen eine Kaffeeplantage erfüllen kann. Ein einzelner Schattenbaum über gleichförmigen Pflanzreihen bietet andere Lebensräume als ein Agroforstsystem mit zahlreichen Baumarten, verschiedenen Kronenhöhen und einer Verbindung zu benachbarten Wäldern. Die grundlegenden Unterschiede zwischen Vollsonne, Halbschatten und Agroforst erklärt der vorangehende Artikel «Anbaumethoden».
Arabica hat ihren Ursprung in den Waldregionen Äthiopiens. Schattenbäume können Hitzeextreme abmildern, den Boden beschatten und durch Laubstreu zur Bodenpflege beitragen. Zusätzliche Gehölze schaffen Lebensräume für Vögel, Insekten und andere Organismen; je nach Artenwahl liefern sie auch Früchte, Holz oder weitere Erzeugnisse.
Mehr Schatten ist allerdings kein automatisches Qualitätsversprechen. Je nach Standort, Varietät und Kronendichte kann sich die Beschattung günstig, neutral oder nachteilig auf Ertrag, Fruchtreife und Krankheitsdruck auswirken. Eine Metaanalyse zeigt, dass manche Systeme mit mässiger Beschattung ähnlich hohe Erträge erzielen wie sonnenexponierte Pflanzungen. Das Ziel ist deshalb nicht möglichst viel Schatten, sondern ein sorgfältig gestaltetes Anbausystem.
Bei Amici: Auf der Finca Mariposa in Peru wurde ein ehemals überwiegend von Eukalyptus geprägter Baumbestand in ein vielfältigeres Agroforstsystem umgestaltet. Zwischen den Kaffeepflanzen wachsen heute rund vierzig verschiedene Schattenbaumarten. Damit hat die Vielfalt der gepflanzten Bäume klar zugenommen und es wurden unterschiedliche Lebensräume geschaffen. Menschen, die die Farm seit längerem kennen, berichten ausserdem, dass sie dort inzwischen Vogelarten beobachten, die sie früher nicht gesehen hatten. Das ist eine wertvolle Beobachtung, aber keine systematische Zählung aller Tierarten.
Quellen: Metaanalyse über Anbau und Ökosystemleistungen, Agriculture, Ecosystems & Environment (2022) – https://doi.org/10.1016/j.agee.2022.108024; Meta-Analyse zu Sorten und Schattenreaktion – https://doi.org/10.1007/s13593-022-00788-2; Finca Mariposa, Farmangaben: https://www.larbreacafe.com/pages/finca-mariposa-la-ferme-de-larbre-a-cafe
Krankheiten und Schädlinge der Kaffeepflanze
Kaffee ist eine Kulturpflanze, deren Blätter, Früchte, Wurzeln und Gefässsystem von sehr unterschiedlichen Krankheitserregern oder Schädlingen betroffen sein können. Welche Bedrohungen an einem Standort wichtig sind, hängt unter anderem von Klima, Kaffeeart, Varietät und Bewirtschaftung ab.
Kaffeerost (Coffee Leaf Rust): Der Pilz Hemileia vastatrix bildet auf den Blättern auffällige gelblich-orange Sporenlager. Bei starkem Befall fallen Blätter ab; dadurch verlieren die Pflanzen einen Teil ihrer Fähigkeit, Energie für Wachstum und Ertrag bereitzustellen. Die Entwicklung resistenter Varietäten ist eine zentrale Aufgabe der Kaffeezüchtung, aber auch solche Resistenzen können im Laufe der Zeit überwunden werden.
Kaffeekirschenkrankheit (Coffee Berry Disease, CBD): Colletotrichum kahawae befällt vor allem unreife Früchte. Dunkle Läsionen und Fruchtverluste können die Ernte schwer beeinträchtigen. Die Krankheit ist insbesondere aus afrikanischen Anbaugebieten bekannt und muss von anderen, ähnlich aussehenden Fruchtschäden unterschieden werden.
Kaffeewelke (Coffee Wilt Disease): Der Erreger Fusarium xylarioides beeinträchtigt das Leitgewebe der Pflanze. Einzelne Äste oder ganze Bäume können welken und absterben. Hinzu kommen Wurzelkrankheiten durch verschiedene Pilze sowie pflanzenparasitäre Nematoden, etwa der Gattung Meloidogyne, die die Wasser- und Nährstoffaufnahme erschweren.
Kaffeekirschenkäfer (Coffee Berry Borer): Hypothenemus hampei ist kein Pilz, sondern ein Insekt. Die Weibchen bohren sich in die Kaffeefrucht; die Entwicklung des Käfers kann den Samen und damit die spätere Rohkaffeequalität beschädigen. Auch andere Insekten und Milben können je nach Anbaugebiet relevant sein.
Gegen diese Gefahren hilft kein einzelnes Wundermittel. Wichtig sind geeignete Varietäten, sorgfältige Ernte- und Feldhygiene, die Beobachtung von Schädlingen und Krankheitssymptomen, der Schutz der Bodenfunktionen und standortgerechte Anbaumethoden. Welche Massnahmen sinnvoll sind, muss jeweils vor Ort entschieden werden.
Quellen: American Phytopathological Society – Diseases of Coffee: https://www.apsnet.org/edcenter/resources/commonnames/Pages/Coffee.aspx; CABI Compendium, Coffee Berry Disease (2026): https://doi.org/10.1079/cabicompendium.14916; World Coffee Research, Varietäten und Krankheitsresistenz: https://varieties.worldcoffeeresearch.org/
Kaffee und Klimawandel
Kaffee reagiert empfindlich auf Veränderungen von Temperatur, Niederschlag und extremen Wetterereignissen. Besonders Arabica ist an bestimmte Klimabedingungen angepasst. Längere Hitzeperioden, verschobene Regenzeiten oder ungewöhnliche Trockenheit können Entwicklung, Ertrag und Qualität beeinflussen.
Modellstudien zeigen, dass sich geeignete Anbaugebiete im Laufe dieses Jahrhunderts deutlich verändern könnten. Solche Projektionen sind Szenarien, keine Vorhersage über jede einzelne Farm: Ihre Ergebnisse hängen von Emissionspfaden, örtlichem Klima und den verwendeten Modellen ab.
Als mögliche Anpassungen gelten die Auswahl geeigneter Varietäten, eine verbesserte Wasser- und Bodenbewirtschaftung und, wo sinnvoll, Schattenbäume. Keine dieser Massnahmen wirkt überall gleich. Die Zukunft des Kaffeeanbaus hängt deshalb nicht nur von der Pflanze ab, sondern auch davon, wie gut einzelne Anbausysteme an ihre Umgebung angepasst werden können.
Quellen: World Coffee Research / CIAT, klimaökologische Eignung von Arabica-Regionen: https://worldcoffeeresearch.org/resources/multiclass-classification-of-agro-ecological-zones-for-arabica-coffee; World Coffee Research, internationale Varietätenversuche: https://doi.org/10.3389/fpls.2025.1583595
Kapitel B · Ernte und Aufbereitung
Die Kaffeekirsche – Anatomie einer Frucht
Die Kaffeebohne ist botanisch betrachtet kein Bohnengewächs, sondern der Samen einer Frucht. Die Kaffeekirsche ist bei der Reife je nach Varietät meist rot oder gelb. Unter der äusseren Haut liegt Fruchtfleisch, gefolgt von einer zuckerhaltigen Schleimschicht, dem sogenannten Mucilage. Darunter schützen eine pergamentartige Hülle und eine dünne Silberhaut den eigentlichen Samen.
Meist enthält eine Kirsche zwei Samen, die einander mit ihren flachen Seiten zugewandt sind. Manchmal entwickelt sich nur einer; daraus entsteht die rundlichere sogenannte Perlbohne. Die Form allein sagt nichts über die Qualität in der Tasse aus.
Für die Aufbereitung ist der Aufbau der Frucht entscheidend. Je nachdem, wann Haut, Fruchtfleisch und Schleimschicht entfernt werden, entstehen unterschiedliche Bedingungen für Fermentation und Trocknung. Die vermeintlich kleine Kirsche bildet damit den Ausgangspunkt für viele der geschmacklichen Unterschiede zwischen Kaffees.
Quellen: World Coffee Research, Coffee Varieties Catalog: https://varieties.worldcoffeeresearch.org/; International Coffee Organization, Coffee Botany: https://www.ico.org/
Die Ernte
An ein und demselben Kaffeebaum können gleichzeitig grüne, reife und überreife Kirschen hängen. Das macht die Ernte zu einer Qualitätsentscheidung: Sie bestimmt, welche Früchte anschliessend aufbereitet werden. In der Praxis unterscheidet man vier grundlegende Verfahren. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wie gezielt reife Früchte ausgewählt werden, wie viel Arbeit nötig ist und welche Anforderungen sie an die spätere Sortierung stellen.
1. Selektive Handlese – Kirsche für Kirsche
Bei der selektiven Handlese (Selective Picking oder Multi-Pass Selective Picking) werden möglichst nur reife Kirschen einzeln gepflückt. Unreife Früchte bleiben am Baum und können bei einem späteren Rundgang geerntet werden. Weil eine Plantage in mehreren Durchgängen bearbeitet wird, ist das Verfahren zeit- und arbeitsintensiv. Es erlaubt aber eine besonders bewusste Auswahl des Reifegrades und ist deshalb bei hochwertigen, kleineren Partien verbreitet. Auch sorgfältige Handlese ersetzt nicht die anschliessende Qualitätskontrolle.
2. Mehrmaliges Abstreifen – reife Zweige auswählen
Beim mehrmaligen Abstreifen (Multi-Pass Stripping) werden Zweige mit überwiegend reifen Früchten in mehreren Erntedurchgängen abgestreift. Nicht jede einzelne Kirsche wird nach Reife ausgewählt. Der Aufwand kann geringer sein als bei der selektiven Handlese, doch die geernteten Früchte sind weniger einheitlich. Eine nachfolgende Sortierung gewinnt entsprechend an Bedeutung.
3. Einmaliges Abstreifen – alles in einem Durchgang
Beim einmaligen Abstreifen (Single-Pass Stripping) werden die Kirschen in einem Erntedurchgang von den Zweigen gelöst – unabhängig davon, ob sie bereits optimal reif sind. Dieses Verfahren spart Arbeitszeit, kann aber grüne, reife und überreife Früchte vermischen. Eine gezielte Sortierung und die rasche Verarbeitung nach der Ernte sind deshalb besonders wichtig.
4. Mechanische Ernte – effizient auf geeigneten Flächen
Bei der mechanischen Ernte lösen Maschinen die Kirschen beispielsweise durch Vibrationen vom Baum. Dafür eignen sich vor allem entsprechend angelegte und gut zugängliche Pflanzungen; steile Hänge oder unregelmässige Agroforstsysteme können den Maschineneinsatz erschweren. Die Methode kann den Personalbedarf senken. Je nach Maschine, Einstellungen und Reifestand ist aber auch hier eine sorgfältige Trennung unterschiedlich reifer oder beschädigter Früchte nötig.
Was entscheidet über die Qualität?
Die Erntemethode allein entscheidet nicht über die Tasse. Entscheidend sind vor allem Reifegrad und Gesundheit der Kirschen sowie die Geschwindigkeit und Sorgfalt der nachfolgenden Verarbeitung. Unreife Kirschen können unerwünschte grüne oder adstringierende Eindrücke begünstigen; stark überreife und beschädigte Früchte erhöhen das Risiko unkontrollierter Fermentation und mikrobieller Probleme. Darum gehören Ernte, Vorsortierung und Aufbereitung immer zusammen. Wie die Kirschen danach weiterverarbeitet werden, erklären die folgenden Artikel zu Washed, Natural, Honey und Fermentation.
Bei Amici: Auf unseren Farmen, auf denen bereits Kaffee geerntet wird, pflücken wir ausschliesslich selektiv von Hand und in mehreren Durchgängen. Die Kirschen werden möglichst erst bei passendem Reifegrad vom Baum genommen. Das ist aufwendiger als eine Ernte in einem Durchgang, gibt uns aber mehr Kontrolle über die Ausgangsqualität für die anschliessende Aufbereitung.
Quellen: International Coffee Organization, Good Harvesting Practices (ED 1988/06), Abschnitt 4.2 – https://ico.org/documents/ed1988e.pdf; Codex Alimentarius, CAC/RCP 69-2009, Code of Practice for the Prevention and Reduction of Ochratoxin A Contamination in Coffee, Abschnitt 4.2 – https://dev.ico.org/documents/ed-2074e-ota.pdf
Gewaschene Aufbereitung (Washed)
Bei der gewaschenen Aufbereitung wird zunächst ein grosser Teil von Fruchthaut und Fruchtfleisch mechanisch entfernt. Die verbleibende Mucilage wird durch Fermentation, mechanische Verfahren oder eine Kombination gelöst und anschliessend entfernt. Danach trocknet der Kaffee in seiner Pergamenthülle. Temperatur, Zeit, Hygiene und Trocknung beeinflussen das Ergebnis. Gewaschene Kaffees werden häufig als klar und präzise beschrieben; diese sensorische Tendenz ist jedoch keine Garantie für einen bestimmten Geschmack.
Quelle: Várady et al. (2022), LWT, 172, 114245 – https://doi.org/10.1016/j.lwt.2022.114245
Natürliche Aufbereitung (Natural / Dry)
Bei der natürlichen Aufbereitung trocknet die Kaffeekirsche zunächst weitgehend als ganze Frucht. Erst danach werden die getrockneten Fruchtbestandteile entfernt. Während der Trocknung sind gleichmässige Feuchteabgabe, regelmässige Kontrolle und Schutz vor unerwünschter mikrobieller Entwicklung wichtig. Naturals zeigen häufig ausgeprägte fruchtige oder fermentative Aromen; wie stark diese wahrgenommen werden, hängt vom Rohmaterial und der Prozessführung ab.
Quelle: Várady et al. (2022), LWT, 172, 114245 – https://doi.org/10.1016/j.lwt.2022.114245
Honey-Aufbereitung
Bei der Honey-Aufbereitung wird die Fruchthaut entfernt, während ein Teil der Mucilage beim Trocknen auf der Pergamenthülle verbleibt. Der Name bezieht sich auf die klebrige Beschaffenheit dieser Schicht: Honig wird nicht zugesetzt. Begriffe wie Yellow, Red oder Black Honey werden in der Praxis unterschiedlich verwendet; sie sind keine universell einheitlichen technischen Klassen. Entscheidend sind die tatsächliche Prozessführung und eine kontrollierte Trocknung.
Quelle: Várady et al. (2022), LWT, 172, 114245 – https://doi.org/10.1016/j.lwt.2022.114245
Fermentation – Mikroorganismen und die Aromen des Kaffees
Fermentation ist mehr als ein technischer Zwischenschritt, um die klebrige Schleimschicht (Mucilage) von der Kaffeebohne zu lösen. Hefen und Bakterien nutzen Zucker und andere Bestandteile der Kaffeefrucht und bilden dabei unter anderem organische Säuren, Alkohole und flüchtige Verbindungen. Auch die chemischen Ausgangsstoffe, die später beim Rösten zu Aromen beitragen, können sich verändern.
Bei der spontanen Fermentation arbeiten Mikroorganismen aus der Frucht und ihrer Umgebung zusammen. Bei kontrollierten Verfahren lassen sich beispielsweise Temperatur, Zeit, Tankmaterial, Sauerstoffeintrag und – teilweise – zugesetzte Starterkulturen beeinflussen. Die Zusammensetzung der Mikroorganismen verändert sich während des Prozesses; deshalb genügt die Angabe einer Fermentationsdauer allein nicht, um das Ergebnis vorherzusagen.
Bei sogenannten anaeroben Verfahren wird der Sauerstoffkontakt stark reduziert, etwa in verschlossenen Behältern. Das ist keine Garantie für vollständige Sauerstofffreiheit und auch kein einheitliches Geschmacksrezept. Bei einer Carbonic Maceration werden ganze Früchte in einer Kohlendioxid-reichen Atmosphäre verarbeitet. Der Begriff stammt aus der Weinbereitung; in der Kaffeepraxis werden unterschiedliche technische Varianten darunter verstanden.
Solche Verfahren können interessante fruchtige, florale oder weinig wirkende Eindrücke hervorbringen. Sie können aber auch Fehlaromen begünstigen, wenn Hygiene, Temperatur oder Prozessführung nicht stimmen. Es wäre deshalb falsch, eine bestimmte Geschmacksnote allein aus «anaerob» oder der Form eines Fermentationstanks abzuleiten.
Bei Amici: Auf der Finca Mariposa werden unterschiedliche Aufbereitungs- und Fermentationsansätze erprobt, unter anderem mit eigens dafür vorgesehenen Behältern. Dabei geht es darum, die Möglichkeiten einer einzelnen Herkunft auszuloten und die Wirkung verschiedener Verfahren auf die spätere Tasse zu verstehen. Die konkrete Rezeptur und der Geschmack werden für jede Partie neu beurteilt.
Quellen: Elhalis, Cox & Zhao (2023), Coffee fermentation: Expedition from traditional to controlled process – https://doi.org/10.1016/j.afres.2022.100253; Coffee fermentation process: A review (2023) – https://doi.org/10.1016/j.foodres.2023.112793; kontrolliertes Hefenexperiment (2020), https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32771820/; Finca Mariposa: https://www.larbreacafe.com/pages/finca-mariposa-la-ferme-de-larbre-a-cafe
Trocknen, Ruhen, Schälen
Nach der Ernte und der jeweiligen Aufbereitung muss der Kaffee so weit getrocknet werden, dass er sich möglichst stabil lagern und transportieren lässt. Beim Rohkaffee liegen übliche Zielbereiche häufig um 10 bis 12 Prozent Feuchtigkeit. Entscheidend ist dabei nicht allein der Durchschnittswert, sondern auch eine möglichst gleichmässige Trocknung.
Die Kaffeekirschen oder Pergamentbohnen können auf Trockenbetten, befestigten Flächen oder in geeigneten Trocknungsanlagen behandelt werden. Temperatur, Luftbewegung, Witterung und das regelmässige Wenden beeinflussen den Prozess. Bleibt der Kaffee zu lange feucht oder wird er erneut nass, erhöht sich das Risiko mikrobieller Schäden; zu aggressive Trocknung kann das Material ebenfalls beeinträchtigen.
Nach der Trocknung wird der Kaffee vor dem weiteren Verkauf häufig eine Zeit lang gelagert. In der Trockenmühle werden schliesslich Pergamenthülle oder getrocknete Fruchtreste entfernt. Anschliessend kann der Rohkaffee nach verschiedenen Kriterien wie Grösse, Dichte und optisch erkennbaren Defekten sortiert werden.
Quellen: ISO 9116:2025, Spezifikation, Lagerung und Versand von Rohkaffee: https://www.iso.org/standard/87698.html; Anokye-Bempah et al. (2023), Feuchteschutz bei Lagerung und Transport: https://doi.org/10.1016/j.jafr.2022.100478
Sortierung, Siebgrössen und Defekte
Nach der Aufbereitung wird Rohkaffee häufig in mehreren Schritten sortiert: nach Grösse, Dichte, Farbe und erkennbaren Fehlern. Mechanische Siebe trennen verschiedene Bohnengrössen; Dichtetische, optische Sortierer und bei manchen Partien die Handverlesung helfen, Fremdkörper oder auffällige Bohnen auszuscheiden.
Die Siebgrösse wird traditionell in Vierundsechzigstel Zoll angegeben. «Screen 18» bezeichnet zum Beispiel eine Sieböffnung von 18/64 Zoll, also gut sieben Millimetern. Eine grosse Bohne ist deshalb aber noch keine gute Bohne: Grösse und Form sind Handels- und Verarbeitungskriterien, kein Ersatz für eine Verkostung.
Bei der Defektprüfung werden unter anderem schwarze oder beschädigte Bohnen, Fremdkörper und Hinweise auf fehlerhafte Verarbeitung erfasst. Welche Fehler in welcher Menge zulässig sind, hängt vom angewendeten Standard und der jeweiligen Handelsvereinbarung ab. Die sorgfältige Sortierung reduziert vermeidbare Risiken – die endgültige sensorische Qualität entscheidet sich dennoch erst in der Tasse.
Quellen: Specialty Coffee Association, Coffee Standards and Protocols: https://sca.coffee/research/coffee-standards; International Coffee Organization: https://www.ico.org/
Kapitel C · Handel, Lieferkette und Qualität
Specialty Coffee und die 80-Punkte-Grenze
Lange wurde Specialty Coffee im Handel häufig über eine Verkostung auf der 100-Punkte-Skala eingeordnet: Kaffees mit mindestens 80 Punkten galten nach dieser klassischen Praxis als Specialty Coffee. Solche Punktzahlen sind vielen Käufern und Produzenten vertraut und erlauben eine erste Orientierung. Sie beschreiben jedoch weder alle Geschmacksrichtungen noch den gesamten Wert eines Kaffees.
Mit dem Coffee Value Assessment (CVA) hat die Specialty Coffee Association einen breiteren Bewertungsrahmen geschaffen. Er unterscheidet physische Eigenschaften, beschreibbare sensorische Merkmale, persönliche beziehungsweise marktabhängige Qualitätsurteile und weitere Informationen, etwa über Herkunft und Verarbeitung. Das ist keine einfache Umrechnung der alten Punkte in eine neue universelle Note.
Gerade für Espresso hat eine einzelne Punktzahl Grenzen: Dieselbe Bohne kann je nach Röstung, Extraktion und gewünschtem Geschmacksprofil ganz unterschiedlich wirken. Zudem sind standardisierte Verkostungsprotokolle nicht mit jedem konkreten Espressorezept identisch. Eine Zahl ist deshalb hilfreich, aber niemals die ganze Geschichte.
Bei Amici: Wir verwenden die bekannte 100-Punkte-Skala weiterhin als gemeinsamen Orientierungspunkt. Sie ist weit verbreitet und macht es möglich, die Einordnung eines Kaffees mit einer bereits bekannten Bezugsgrösse zu verbinden. Wir verstehen sie nicht als Ersatz für eine differenzierte sensorische Beschreibung: Gerade bei einem Espresso interessieren uns ebenso seine Balance, sein Körper und sein Charakter in der Tasse. Die Punktzahl ist eine Perspektive auf Qualität – nicht ihr vollständiger Ausdruck.
Quelle: Specialty Coffee Association, Coffee Value Assessment und die vier Beurteilungsdimensionen – https://sca.coffee/value-assessment/; SCA Standards 103–105 – https://sca.coffee/research/coffee-standards
Cupping — die standardisierte Verkostung
Beim Cupping werden Kaffees unter möglichst vergleichbaren Bedingungen sensorisch beurteilt. Einheitliche Probenvorbereitung, Dosierung, Wasser, Temperatur und ein definiertes Vorgehen sollen Unterschiede zwischen den Kaffees nachvollziehbar machen. Die Specialty Coffee Association hat hierfür aktuelle Standards im Rahmen des Coffee Value Assessment veröffentlicht. Sensorische Beschreibungen und persönliche Qualitätsurteile werden dabei ausdrücklich unterschieden.
Quelle: Specialty Coffee Association – Standards SCA-102 bis SCA-105 – https://sca.coffee/research/coffee-standards
Vom Kaffeebauern zum Exporteur – wer den Rohkaffee in Bewegung bringt
Eine Kaffeeernte wird selten direkt von der einzelnen Kleinbauernfamilie an eine europäische Rösterei geliefert. Bevor Rohkaffee exportfähig ist, müssen die Kirschen geerntet, aufbereitet, getrocknet, gewogen, beurteilt, oft in einer Trockenmühle geschält und nach qualitativen Kriterien sortiert werden. Hinzu kommen Verpackung, Exportdokumente, Transportorganisation und häufig auch die Vorfinanzierung der Ernte.
Kleinproduzenten können sich zu Kooperativen zusammenschliessen. Diese bündeln Mengen, stellen Infrastruktur bereit, verhandeln Kaufbedingungen oder organisieren Schulungen. Manche verkaufen an einen örtlichen Aufkäufer oder Verarbeiter; grössere Betriebe verfügen gegebenenfalls über eigene Aufbereitungsanlagen. Exporteure übernehmen Aufgaben wie die Zusammenstellung geeigneter Partien, die Beschaffung von Dokumenten, Qualitätskontrollen, Zoll- und Versandprozesse sowie das Inkassorisiko.
Eine Kooperative ersetzt nicht automatisch jeden Händler. Ebenso ist ein Exporteur nicht bloss ein verzichtbarer Aufschlag auf den Preis: Ohne Fachwissen, Finanzierung, Lagerkapazitäten oder Exportzulassung wäre der internationale Absatz für viele Produzenten kaum praktikabel. Umgekehrt kann eine zu wenig transparente Lieferkette die Frage verdecken, welcher Anteil des Kaufpreises tatsächlich beim landwirtschaftlichen Betrieb ankommt.
Der wirtschaftlich sinnvollste Weg hängt deshalb von der Grösse des Betriebs, dem Land, den verfügbaren Dienstleistungen und den vereinbarten Bedingungen ab. Ein guter Einkauf fragt nicht nur nach dem Preis der Bohne, sondern auch nach Qualität, Rückverfolgbarkeit, Vertragsbedingungen und der Verteilung von Chancen und Risiken.
Quellen: International Trade Centre, The Coffee Guide (2021), Kapitel zu Akteuren, Export, Qualität und Vertragswesen – https://digitallibrary.un.org/record/4090550; CBI, Buyer Requirements – https://www.cbi.eu/market-information/coffee/buyer-requirements.
Weltmarkt, Preisbildung und Direct Trade
Kaffee gehört zu den bedeutendsten international gehandelten Agrargütern. Arabica wird unter anderem am New Yorker Terminmarkt, Robusta am Londoner Terminmarkt gehandelt. Die Börsenkurse dienen als Referenz und zur Absicherung von Preisrisiken. Sie sind jedoch nicht gleichbedeutend mit dem Betrag, den ein bestimmter Kleinproduzent für seine Kaffeekirschen oder den aufbereiteten Kaffee erhält.
Die tatsächlichen Preise entstehen entlang einer Kette unterschiedlicher Leistungen. Für Rohkaffee wirken sich Herkunft, Aufbereitung, Defekte, sensorische Eigenschaften, Liefermenge, Währung, Erntezeitpunkt und vereinbarte Preisaufschläge auf den Vertrag aus. Zwischen der Farm und einer Packung Röstkaffee liegen zudem Finanzierung, Sortierung, Export, Versicherung, Transport, Lagerhaltung, Qualitätskontrolle, Röstung, Verpackung und Vertrieb.
Beim börsenorientierten Handel kann ein Kontrakt beispielsweise an einen Referenzpreis zuzüglich oder abzüglich eines Differenzials gekoppelt sein. Bei hochwertigeren Partien werden Preis und Qualitätskriterien häufig individuell ausgehandelt. Auch mehrjährige Beziehungen können so gestaltet werden, dass wiederholbare sensorische Profile, Mengen und Abnahmebedingungen zwischen den Parteien klar vereinbart werden.
Direct Trade ist keine geschützte Zertifizierung. Der Begriff beschreibt im Allgemeinen eine engere Geschäftsbeziehung zwischen Röster und Produzent, Farm oder Kooperative. Ein Importeur oder Exporteur kann dabei trotzdem mitwirken und wichtige logistische, rechtliche und finanzielle Aufgaben übernehmen. Entscheidend ist nicht die blosse Zahl der Zwischenstationen, sondern wer Preise festlegt, wie die Qualität bewertet wird, welche Informationen geteilt werden und wie die Zusammenarbeit tatsächlich funktioniert.
Bei Amici: Für unsere Espressomischung beurteilen wir neue Rohkaffeepartien laufend nach ihren tatsächlichen Eigenschaften. Einkauf, Qualitätsprüfung und Blend-Entwicklung greifen dabei ineinander: Wir benötigen nicht in jedem Jahr identische Bohnen, sondern Kaffees, die gemeinsam das wiedererkennbare Geschmacksprofil ermöglichen. Das verlangt langfristige Beziehungen ebenso wie die Freiheit, Preis, Qualität und geeignete Partien im konkreten Einkauf abzustimmen.
Quellen: International Coffee Organization, Preis- und Marktinformationen – https://data.ico.org/overview; International Trade Centre, The Coffee Guide, 4. Aufl. (2021) – https://digitallibrary.un.org/record/4090550; Fairtrade International, Preisregeln – https://www.fairtrade.net/ch-de/was-ist-fairtrade/fairtrade-ansatz/standards/mindestpreise-praemien.html.
Vom Ursprungshafen zur Rösterei – Transport, Lagerung und Qualitätskontrolle
Nach Aufbereitung, Trocknung und Trockenmühle wird der Rohkaffee für den Export vorbereitet. Je nach Partie erfolgt der Versand in Säcken, Grossgebinden oder als lose Schüttung in geeigneten Containern. Auf der Route zum Hafen werden Waren und Begleitpapiere kontrolliert; am Schiff wird aus einer landwirtschaftlichen Ernte internationale Handelsware.
Die Reise über den Ozean erfordert Sorgfalt. Rohkaffee kann Fremdgerüche aufnehmen und auf Feuchtigkeit reagieren. Besonders kritisch sind Kondenswasser und Feuchteschäden bei wechselnden Temperaturen. Deshalb zählen geeignete Verpackung, ein sauberer und trockener Container sowie eine kontrollierte Lagerung zu den Grundlagen des Qualitätsschutzes.
Am europäischen Hafen folgt nicht einfach die direkte Weiterfahrt zur Rösterei. Häufig übernehmen spezialisierte Lager- und Logistikbetriebe die Verzollung, Eingangskontrolle, Probenahme, Verwiegung, Lagerung und den späteren Versand. Bei Bedarf können sie die Ware reinigen, optisch nach Farbe sortieren, nach spezifischem Gewicht trennen oder in andere Gebinde umpacken. Romani in Triest und Genua sowie Unternehmen wie Pacorini sind Beispiele für diese Branche; ihre Erwähnung bedeutet nicht, dass sie derzeit für Amici tätig sind.
Auch bei Direct Trade bleiben diese Leistungen oft notwendig. Die direkte Handelsbeziehung zwischen Farm oder Kooperative und Röster schliesst keineswegs aus, dass Exporteure, Zollagenten, Reedereien oder Hafenlager den physischen Warenfluss ermöglichen. Die entscheidenden Fragen sind, welche Aufgabe ein Akteur übernimmt, wie die Qualität gesichert wird und ob die Lieferkette nachvollziehbar bleibt.
Bei Amici: Weil jede Herkunft in unserem Blend eine bestimmte sensorische Funktion übernimmt, ist uns nicht nur die Auswahl am Ursprung wichtig. Auch Lagerung, Qualitätskontrolle und die zuverlässige Bereitstellung der Rohkaffeepartien sind entscheidend, wenn der Geschmack der fertigen Mischung über verschiedene Einkäufe hinweg möglichst konstant bleiben soll.
Quellen: International Trade Centre, The Coffee Guide (2021) – https://digitallibrary.un.org/record/4090550; ISO 8455:2011, Green coffee – Guidelines for storage and transport – https://www.iso.org/standard/44601.html; Romani S.p.A., Plant and coffee processing – https://www.romanige.it/en/plant-and-coffee-processing; Transport Information Service, Coffee – https://www.tis-gdv.de/tis_e/ware/genuss/kaffee/kaffee-htm/.
Kapitel D · Rösten
Trommel oder Heissluft – zwei Wege zur Röstung
Röstmaschinen unterscheiden sich darin, wie sie Wärme auf die Kaffeebohnen übertragen. In einem Trommelröster werden die Bohnen in einer bewegten Trommel durch heisse Luft, den Kontakt mit Oberflächen und Strahlungswärme erhitzt. Bei Heissluft- oder Fluid-Bed-Röstern übernimmt ein Luftstrom einen besonders grossen Teil des Wärmetransports; er kann die Bohnen zugleich in Bewegung halten.
Beide Bauprinzipien erlauben unterschiedliche Röstprofile. Temperaturführung, Luftmenge, Chargengrösse und Dauer beeinflussen, wie gleichmässig Wärme in die Bohne gelangt und welche Aromen beim Rösten entstehen.
Ob ein Kaffee fruchtig, ausgewogen oder kräftig geröstet schmeckt, lässt sich deshalb nicht allein am Maschinentyp ablesen. Gute Röstung entsteht aus dem Zusammenspiel von Rohkaffee, Technik und Erfahrung – und aus der Fähigkeit, ein gewünschtes Ergebnis zuverlässig zu wiederholen.
Quellen: International Coffee Organization, Coffee Guide: https://www.ico.org/; Specialty Coffee Association, Coffee Research: https://sca.coffee/research
Was beim Rösten geschieht
Rohkaffee ist relativ dicht, enthält noch Wasser und riecht völlig anders als gerösteter Kaffee. Erst während des Röstens entsteht ein grosser Teil der Aromatik, die wir aus der Tasse kennen. Die Bohnen werden über mehrere Minuten erhitzt; zunächst entweicht vor allem Feuchtigkeit, danach gewinnen chemische Umwandlungen zunehmend an Bedeutung.
Die Veränderung ist auch physisch beeindruckend: Die Bohnen werden leichter und voluminöser. In vielen Röstprofilen verlieren sie ungefähr 15 bis 20 Prozent ihres Ausgangsgewichts; je nach Rohkaffee und Röstgrad können die Werte darunter oder darüber liegen. Gleichzeitig kann ihr Volumen um etwa die Hälfte bis nahezu das Doppelte zunehmen. Im Inneren entstehen Poren und Gasräume – ein Grund, weshalb gerösteter Kaffee leichter zerbricht und gemahlen werden kann.
Chemisch wirken mehrere Prozesse zusammen. Maillard-Reaktionen zwischen bestimmten Zuckerbestandteilen und Aminoverbindungen sowie weitere thermische Abbau- und Umwandlungsreaktionen erzeugen ein komplexes Gemisch aus Duftstoffen. Studien identifizieren im gerösteten Kaffee Hunderte, je nach Untersuchung ungefähr 800 oder mehr, flüchtige chemische Verbindungen. Das bedeutet nicht 800 einzeln wahrnehmbare Aromen: Nur ein Teil der Verbindungen prägt den Geruch besonders stark.
Der sogenannte First Crack markiert eine Phase, in der sich durch Druck und strukturelle Veränderungen hörbare Knackgeräusche entwickeln. Er ist ein wichtiger Orientierungspunkt für den Röster, aber weder eine universelle Temperaturmarke noch die alleinige Grenze zwischen guter und schlechter Röstung. Ein später möglicher Second Crack kennzeichnet eine weitere Veränderung der Bohnenstruktur bei fortgeschrittener Röstung.
Die Röstkurve – wie Temperatur und Energiezufuhr zusammenwirken
Eine Röstkurve zeigt, wie sich die gemessenen Temperaturen während eines Röstvorgangs über die Zeit entwickeln. Moderne Röstmaschinen zeichnen oft mehrere Werte auf: die Temperatur im Röstinnenraum beziehungsweise der Abluft, die von einer Sonde im Bohnenbett erfasste Temperatur sowie die eingestellte Heizleistung und gegebenenfalls den Luftstrom. Die Kurven machen sichtbar, wie sich die Wärmezufuhr auf den Kaffee auswirkt. Sie sind jedoch keine unmittelbare Messung der Temperatur im Innern jeder einzelnen Bohne.
Zunächst wird die Röstmaschine vorgeheizt. Beim sogenannten Chargieren, dem Einfüllen des kühleren Rohkaffees, fällt die Temperaturanzeige der Bohnensonde deutlich ab, weil das kalte Röstgut der Umgebung Wärme entzieht und sich die Messbedingungen an der Sonde ändern. Dieser Abfall bedeutet nicht, dass die einzelnen Bohnen zunächst kälter werden: Sie beginnen bereits, sich vom Ausgangszustand aus zu erwärmen. Der tiefste Punkt der angezeigten Kurve wird als Wendepunkt oder Turning Point bezeichnet. Danach steigt auch der gemessene Wert wieder.
Nach diesem Wendepunkt verläuft die Bohnentemperaturkurve bei vielen Trommelröstungen zunächst relativ steil und wird im weiteren Verlauf flacher. Der Temperaturanstieg hält also an, aber meist mit abnehmender Geschwindigkeit. Die Kurve ist deshalb nicht als exponentieller Anstieg zu verstehen. Entscheidend ist neben der absoluten Temperatur die sogenannte Rate of Rise (RoR): Sie gibt an, um wie viele Grad die gemessene Bohnentemperatur innerhalb einer bestimmten Zeitspanne steigt, beispielsweise pro Minute. Eine sinkende RoR bei weiterhin steigender Bohnentemperatur bedeutet, dass sich der Kaffee nach wie vor erwärmt, jedoch langsamer als zuvor.
Die Röstkurve entsteht nicht von selbst. Der Röster verändert Heizleistung und Luftführung, um die gewünschte Entwicklung zu erreichen. Häufig wird zu Beginn viel Wärme bereitgestellt und die Energiezufuhr im Verlauf angepasst oder reduziert, damit sich die Röstung gegen Ende nicht unkontrolliert beschleunigt. Die Bohnen reagieren darauf mit Verzögerung, denn die Maschine und der Kaffee speichern Wärme. Eine zu starke oder zu abrupte Änderung der Heizleistung lässt sich deshalb nicht sofort anhand der Bohnentemperatur ablesen. Auch rund um den First Crack muss die Energiezufuhr vorausschauend gesteuert werden.
Die typische Kurvenform ist eine Orientierung, kein starres Naturgesetz und kein universelles Qualitätsrezept. Ausgangstemperatur, Röstertyp, Chargengrösse, Rohkaffee und gewünschter Röstgrad beeinflussen den Verlauf. Für die Wiederholbarkeit hält der Röster daher nicht nur die Endtemperatur fest, sondern auch die Entwicklung über die Zeit und das sensorische Ergebnis der fertigen Bohnen.
Endotherm und exotherm – woher die Wärme kommt
Am Anfang des Röstens überwiegen endotherme Vorgänge: Die Bohne nimmt Energie aus der heissen Luft und den Oberflächen des Rösters auf. Besonders die Verdampfung von Wasser verbraucht Wärme. Mit steigender Temperatur nehmen chemische Umwandlungen zu, unter ihnen auch exotherme Reaktionen, die selbst Wärme freisetzen. Im späteren Verlauf kann deshalb weniger zusätzliche Heizleistung nötig sein. Gleichzeitig laufen weiterhin energieverbrauchende Vorgänge ab; die Bohne wechselt also nicht an einem einzigen, exakt bestimmbaren Punkt vollständig von endotherm zu exotherm.
Der First Crack ist mit der Ausdehnung von Gasen und Dampf und dem Aufbrechen der Bohnenstruktur verbunden. Rund um diese Entwicklungsphase wird die Wärmeführung besonders anspruchsvoll: Ein unverändert hoher Energieeintrag kann die Röstung stärker beschleunigen als beabsichtigt. Der First Crack ist jedoch kein universeller Zeitpunkt, an dem alle Reaktionen plötzlich exotherm werden. Die Entwicklung muss weiterhin über Temperaturverlauf, Zeit und sensorisches Ziel gesteuert werden.
Ein Röstprofil beschreibt das Zusammenspiel aus Temperatur, Zeit und Wärmeübertragung. Zwei Bohnen können am Ende nahezu dieselbe Farbe haben und dennoch unterschiedlich schmecken, wenn sie auf verschiedenen Wegen dorthin gelangten. Deshalb wird der Röstprozess nicht nur nach Farbe, sondern auch nach Verlauf und sensorischem Ergebnis beurteilt.
Warum unmittelbar nach der Röstung gekühlt wird
Wird der Kaffee beim gewünschten Röstgrad aus der heissen Röstkammer entleert, ist der Prozess nicht augenblicklich beendet: In den Bohnen steckt noch erhebliche Wärme, und temperaturabhängige Reaktionen können weiterlaufen. Ohne rasche Kühlung würde sich die Röstung unkontrolliert fortsetzen und das angestrebte Aromaprofil verändern. Deshalb wird gerösteter Kaffee üblicherweise unmittelbar mit intensiv bewegter, deutlich kühlerer Luft abgekühlt; einzelne Verfahren nutzen auch Wasser zur Kühlung. Das Prinzip erinnert an das Abschrecken von gegartem Gemüse im Eisbad: Man beendet die thermische Behandlung möglichst rasch am gewünschten Punkt. Dabei kühlt Luft den Kaffee, ohne ihn wie ein Wasserbad zu durchfeuchten. Eine sich dauerhaft selbständig fortsetzende Röstung ist damit nicht gemeint: Entscheidend sind sowohl die gespeicherte Wärme als auch Wärmeaufnahme und -freisetzung während der laufenden Reaktionen.
Quellen: Wei & Tanokura (2025), Changes in coffee beans during roasting, https://doi.org/10.1016/B978-0-443-13868-3.00072-7; Experiment zur Röstverlustkurve, International Journal of Food Science and Technology (2025), https://academic.oup.com/ijfst/article/60/2/vvaf189/8262800; Physical properties of coffee beans during roasting, Biosystems Engineering (2018), https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0926669017308300; Münchow et al. (2020), Roasting Conditions and Coffee Flavor: A Multi-Study Empirical Investigation, Beverages 6(2), 29 – https://doi.org/10.3390/beverages6020029; Fabbri et al. (2011), Numerical modeling of heat and mass transfer during coffee roasting process, Journal of Food Engineering – https://doi.org/10.1016/j.jfoodeng.2011.02.030; Development of coffee bean porosity and thermophysical properties during roasting (2024), Journal of Food Engineering – https://doi.org/10.1016/j.jfoodeng.2024.112096; Röstkurven, Wendepunkt und Sondenmessung: Mill City Roasters (2026), How to Read a Roast Curve – https://millcityroasters.com/blogs/blog/how-to-read-a-roast-curve; Cropster (2026), About Rate of Rise (RoR) – https://help.cropster.com/en_US/using-roasting-intelligence/about-rate-of-rise-ror; Anokye-Bempah et al. (2025), A universal color curve for roasted arabica coffee, Scientific Reports – https://doi.org/10.1038/s41598-025-06601-w
Röstgrade – von hell bis dunkel
Der Röstgrad beschreibt, wie weit die Bohne während des Röstens verändert wurde. Er beeinflusst Farbe, Struktur und Geschmack. Aber der Röstgrad allein ist nicht das ganze Röstprofil: Auch die Geschwindigkeit und der Temperaturverlauf bestimmen, welche Verbindungen entstehen oder verloren gehen.
Helle Röstungen betonen häufig Eigenschaften der Herkunft: florale und fruchtige Eindrücke sowie eine lebendigere wahrgenommene Säure. Bei mittleren Röstungen verbinden sich solche Merkmale oft mit stärker hervortretenden Noten von Nüssen, Karamell und Schokolade.
Dunkle Röstungen verdienen eine differenziertere Betrachtung, als ihnen gelegentlich zuteilwird. Sorgfältig geführt, können sie ausgeprägte Noten von Kakao, dunkler Schokolade, gerösteten Nüssen und einen kräftigen, runden Körper entwickeln. Das ist insbesondere für bestimmte italienische Espressostile erwünscht. Mit zunehmender Röstintensität können aber auch Bitterkeit, Rauchigkeit und aschige Eindrücke dominieren; sehr weitgehende Röstungen können feinere Herkunftsmerkmale überdecken.
«Hell», «mittel» und «dunkel» sind im Handel keine weltweit einheitlichen Klassen. Eine dunkle Röstung ist deshalb weder von sich aus minderwertig noch automatisch kräftiger im Sinn eines höheren Koffeingehalts. Entscheidend sind das beabsichtigte Geschmacksprofil, die Qualität des Rohkaffees und die Kontrolle des Röstprozesses.
Quellen: Chemical Changes in the Components of Coffee Beans during Roasting (2015), https://doi.org/10.1016/B978-0-12-409517-5.00010-3; Studie zu Röstgrad, Chemie und Sensorik (2020) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32559595/
Der Blend – die Kunst der Mischung
Eine Espressomischung ist keine Verlegenheitslösung, sondern kann eine eigenständige Komposition sein. Ein Single Origin erinnert an ein Soloinstrument: Die Eigenschaften einer bestimmten Herkunft stehen im Mittelpunkt. Ein Blend ist eher wie ein Orchester. Einzelne Kaffees können Süsse, Säure, Körper, florale Noten oder schokoladige Tiefe einbringen. Entscheidend ist aber nicht, dass jede «Stimme» für sich besonders laut klingt, sondern dass ein harmonisches Ganzes entsteht.
Bei einem Pre-Blend werden die verschiedenen Rohkaffees bereits vor dem Rösten gemischt und gemeinsam geröstet. Das kann effizient sein, setzt aber voraus, dass die Komponenten mit demselben Röstverlauf gut zurechtkommen. Beim Post-Blend wird jede Komponente zunächst einzeln geröstet; erst danach werden die Röstkaffees gemischt. So kann der Röster für unterschiedliche Bohnen individuelle Profile wählen, bezahlt dies aber mit zusätzlichem Planungs- und Produktionsaufwand. Keine Methode ist grundsätzlich besser – sie ermöglicht unterschiedliche Entscheidungen.
Die eigentliche Schwierigkeit beginnt nicht mit dem ersten Rezept, sondern mit seiner Wiederholung. Selbst wenn ein Röster wieder bei denselben Produzenten einkauft, verändern sich durch Wetter, Reifegrad, Aufbereitung und Lagerung die Eigenschaften der neuen Ernte. Unveränderte Mengenverhältnisse zwischen den Komponenten einer Mischung garantieren daher kein identisches Geschmacksergebnis. Jede neu eintreffende Partie wird zunächst physisch und sensorisch beurteilt, anschliessend in der Mischung erprobt. Erst daraus ergibt sich, ob die Zusammensetzung unverändert bleiben kann oder ob einzelne Anteile angepasst werden müssen.
Ein Single Origin verfolgt eine andere Idee: Er stellt eine klar bezeichnete Herkunft oder Partie in den Vordergrund. Weder Herkunftskaffee noch Blend ist allein wegen seiner Kategorie hochwertiger.
Bei Amici: Unser Espresso-Blend vereint neun Arabica-Herkünfte, die unterschiedliche Aufgaben in der Gesamtkomposition übernehmen. Die Rezeptur ist deshalb kein starres Verhältnis, das wir einmal festlegen und danach blind wiederholen. Bei jedem neuen Einkauf analysieren und verkosten wir die Rohkaffeepartien und überprüfen, wie die einzelnen Komponenten miteinander wirken. Weicht eine Herkunft beispielsweise in Süsse, Säure oder Körper vom bisherigen Profil ab, können wir die Mischung neu abstimmen. Nicht jede neue Partie verlangt zwingend andere Prozentanteile – aber jede verlangt eine neue Beurteilung. So kann sich die Rezeptur bei Bedarf verändern, damit der angestrebte Geschmack möglichst gleich bleibt. Unser Ziel ist ein wiedererkennbares Geschmackserlebnis trotz der natürlichen Veränderlichkeit des Kaffees.
Quellen: Specialty Coffee Association, Coffee Value Assessment – https://sca.coffee/value-assessment/; World Coffee Research, Sensory Lexicon – https://worldcoffeeresearch.org/; redaktionelle Beschreibung der Amici-Mischung auf Basis der Unternehmensangaben
Entgasen und Frische
Gerösteter Kaffee ist kein chemisch unveränderlicher Vorratsartikel. Während der Röstung entstehen Hunderte flüchtige Verbindungen, welche gemeinsam den Geruch und einen wesentlichen Teil des Geschmacks prägen. Gleichzeitig wird Kohlendioxid (CO₂) in der porösen Bohnenstruktur eingeschlossen. Nach der Röstung laufen deshalb mehrere Prozesse parallel ab: Der Kaffee entgast, Duftstoffe entweichen oder verändern sich chemisch, und Sauerstoff kann empfindliche Bestandteile oxidieren.
Warum Sauerstoff die Aromatik verändert
Sauerstoff reagiert mit bestimmten Bestandteilen des Kaffees. Besonders empfindlich sind unter anderem ungesättigte Bestandteile der Kaffeeöle sowie verschiedene geruchsaktive Moleküle. Bei Oxidationsreaktionen können ursprünglich gewünschte Aromastoffe abgebaut oder in ihrer Wahrnehmbarkeit verändert werden. Zugleich entstehen neue Verbindungen, beispielsweise Aldehyde, die zu alten, kartonartigen oder mit zunehmender Alterung auch ranzigen Eindrücken beitragen können. Als ein Indikator wird unter anderem Hexanal untersucht. Allerdings erklärt keine einzelne Substanz allein die gesamte sensorische Alterung.
Ein anschauliches Beispiel für die Empfindlichkeit einzelner Schlüsselaromen ist 2-Furfurylthiol: Diese geruchsaktive Schwefelverbindung trägt zur typischen frisch gerösteten Kaffeenote bei und kann sich durch chemische Reaktionen verändern. Nicht alle Aromastoffe sind gleich stabil – und eine für die Gesamtwahrnehmung wichtige Verbindung kann geschmacklich relevant sein, obwohl sie nur in sehr kleiner Menge vorkommt.
Aromaverlust ist nicht dasselbe wie Oxidation
Beim Öffnen einer Packung beginnt zunächst auch ein rein physikalischer Vorgang: Flüchtige Aromastoffe gehen vom Kaffee in die Luft über und werden von der Umgebung abgeführt. Das kann geschehen, ohne dass die Moleküle zuvor chemisch oxidiert werden. Daneben laufen Oxidations- und andere Reaktionen ab. In der Praxis können daher schon früh frische, feine Duftnoten schwächer werden, bevor ausgeprägte ranzige Alterungsnoten auftreten. Ein Kaffee kann deutlich an Charakter verlieren, obwohl er noch keineswegs verdorben ist.
Was geschieht in den ersten Stunden – und in den folgenden Tagen?
Ab dem Öffnen einer Schutzverpackung stehen die zugänglichen Partikeloberflächen mit Umgebungsluft in Kontakt. Wie schnell eine Veränderung auffällt, hängt von Mahlgrad, Kaffeemenge, Temperatur, Feuchte, Luftbewegung, Röstprofil, Verpackung und den konkreten Aromastoffen ab. Flüchtige Noten können unmittelbar entweichen; Oxidationsprodukte werden unter fortgesetztem Luftkontakt wichtiger. Es gibt daher keinen wissenschaftlich haltbaren festen Zeitpunkt, ab dem jeder Kaffee nach sechs, zwölf oder vierundzwanzig Stunden gleich stark an Qualität verliert.
Wie stark Sauerstoff die langfristige Stabilität beeinflussen kann, demonstrierten Cardelli und Labuza (2001) an geröstetem, gemahlenem Kaffee: Unter ihren kontrollierten Bedingungen beschleunigte eine Erhöhung des Sauerstoffpartialdrucks von 0,5 auf 21,3 kPa die untersuchten Alterungsprozesse ungefähr um den Faktor 20. Dieser Laborvergleich ist weder eine Prognose für eine einzelne Papierportion noch eine allgemeine Umrechnung in Stunden, er erklärt aber den grossen Nutzen einer sauerstoffarmen Verpackung.
Warum eine ausgepackte Papierportion besonders empfindlich ist
In einer Kaffeeportion aus Filterpapier ist der Kaffee bereits gemahlen: Sehr viel mehr Oberfläche ist zugänglich als bei ganzen Bohnen. Das Papier erfüllt seine Aufgabe bei der Extraktion, bildet aber keine luftdichte Sauerstoff- oder Aromabarriere. Solange die Portion in ihrer äusseren Schutzverpackung liegt, begrenzt diese den Kontakt mit der Umgebung. Wird die Hülle entfernt, können Sauerstoff und Feuchtigkeit durch das Papier an das Kaffeemehl gelangen, während flüchtige Duftstoffe austreten.
Bei offen liegenden Papierportionen können flüchtige Aromastoffe schon früh entweichen; dennoch lässt sich keine allgemeine Stundengrenze angeben, ab der der Kaffee merklich schlechter schmeckt. Unterschiede werden je nach Kaffeeprofil, Raumbedingungen und persönlicher Empfindlichkeit verschieden früh erkannt. Neben Oxidation können auch physikalischer Aromaverlust, Feuchteänderungen und die CO₂-Abgabe mitwirken. Untersuchungen über längere Lagerzeiten zeigen die Vorteile luftdichter Verpackungen, erlauben jedoch keine direkte Vorhersage für jede Portionsform und Expositionsdauer.
Altern hochwertige Kaffees anders?
Nicht jeder Kaffee hat dieselbe chemische Zusammensetzung oder dasselbe sensorische Profil. Varietät, Anbau, Aufbereitung und Röstung beeinflussen unter anderem den Gehalt und das Verhältnis einzelner Aromastoffe. Deshalb können sich sowohl die chemischen Veränderungen als auch deren Wahrnehmbarkeit zwischen Kaffees unterscheiden. Bei einem Kaffee mit ausgeprägten floralen oder fruchtigen Nuancen kann schon die Abschwächung weniger Schlüsselaromen den Charakter merklich verändern. Bei einem anderen Profil fallen Veränderungen womöglich zuerst an Röstnoten, Körper oder Nachgeschmack auf.
Wichtig ist die Unterscheidung: Höhere Ausgangsqualität bedeutet nicht automatisch eine schnellere Oxidationsgeschwindigkeit. Eine Untersuchung an unterschiedlich bewerteten, ungerösteten Spezialitätenkaffees zeigte zwar qualitätsabhängige Veränderungen während monatelanger Lagerung; diese Ergebnisse lassen sich jedoch nicht unmittelbar auf gerösteten oder gemahlenen Kaffee übertragen. Unterschiedliche Kaffees können sowohl chemisch als auch sensorisch verschieden altern. Wie schnell ein bestimmter Kaffee sein charakteristisches Geschmacksprofil verändert, hängt von seiner Zusammensetzung, Verarbeitung und Lagerung ab.
Wie stark nehmen Menschen die Veränderung wahr?
Die chemische Veränderung und ihre Wahrnehmung sind nicht dasselbe. Welche Unterschiede erkennbar werden, hängt unter anderem von individuellen Geruchsschwellen, sensorischer Erfahrung, Erwartungen und der Vertrautheit mit dem Kaffee ab. Menschen, die ein bestimmtes Aromaprofil sehr gut kennen oder besonders geruchsempfindlich sind, können kleine Abweichungen möglicherweise früher erkennen. Wer dieselbe Packung Tag für Tag konsumiert, nimmt schleichende Änderungen unter Umständen weniger deutlich wahr als beim direkten Blindvergleich mit frisch geschütztem Kaffee.
Deshalb ist die sekundäre Haltbarkeit nicht mit dem Zeitpunkt der ersten messbaren chemischen Veränderung gleichzusetzen. In der Forschung wird ein Akzeptanzkriterium häufig über eine Testgruppe festgelegt; es beschreibt kein einheitliches Wahrnehmungsvermögen aller Konsumenten und garantiert keine unveränderte Spitzenqualität bis zu diesem Tag.
Temperatur – warum Kaffee kühl gelagert langsamer altert
Mit steigender Temperatur laufen viele chemische Reaktionen schneller ab, darunter oxidative Veränderungen von Kaffeeölen und empfindlichen Aromastoffen. Auch die Freisetzung flüchtiger Verbindungen und die Entgasung können temperaturabhängig sein. Die Arrhenius-Gleichung beschreibt diese Temperaturabhängigkeit für viele Reaktionen; eine pauschale Regel wie «zehn Grad wärmer, doppelt so schnelle Alterung» lässt sich daraus für Kaffee jedoch nicht ableiten. Unterschiedliche Stoffe und Prozesse besitzen unterschiedliche Geschwindigkeiten.
Eine Studie mit Arabica, Robusta und einem Blend beobachtete nach einem Monat bei 5 °C geringere Veränderungen im Profil flüchtiger Verbindungen als bei 20 °C. Auch die sensorischen Eigenschaften der daraus zubereiteten Getränke unterschieden sich. Das bestätigt den praktischen Grundsatz: Kühle, trockene und möglichst sauerstoffarme Lagerung hilft, die ursprüngliche Aromatik länger zu erhalten – die Temperatur allein ersetzt jedoch keine schützende Verpackung.
Tiefkühlen, Auftauen und die Frage des Temperaturwechsels
Bei tiefen Temperaturen, etwa im Tiefkühler, werden zahlreiche Alterungsreaktionen und die Abgabe flüchtiger Stoffe stark verlangsamt, aber nicht vollständig gestoppt. In einer Untersuchung beurteilten Testpersonen dunkler gerösteten Kaffee nach neun Wochen im Tiefkühler geruchlich näher an einer frischen Kontrolle als Kaffee, der bei Raumtemperatur gelagert worden war. Die Versuche liefern jedoch keine pauschale Haltbarkeitsdauer für alle Kaffees und Packungsformen.
Kritisch wird vor allem das Öffnen einer noch kalten Verpackung in warmer, feuchter Luft: Auf den kalten Bohnen oder dem Kaffeepulver kann Kondenswasser entstehen. Der Kaffee nimmt Feuchtigkeit auf, was seine Lagerstabilität und bei gemahlenem Kaffee auch seine Verarbeitbarkeit beeinträchtigen kann. Für Vorräte gilt deshalb: in kleinen, luftdicht verschlossenen Einheiten einfrieren und einen Behälter vor dem Öffnen vollständig auf Raumtemperatur kommen lassen. Wiederholtes Öffnen und erneutes Einfrieren sollte möglichst vermieden werden.
Davon zu unterscheiden ist die unmittelbare Zubereitung einer einzeln entnommenen, bereits portionierten tiefgekühlten Kaffeedosis. Der Kontakt mit heissem Brühwasser ist nicht schon deshalb schädlich, weil der Kaffee zuvor gefroren war. Eine niedrigere Ausgangstemperatur kann jedoch den Wärmehaushalt während des Brühvorgangs und damit die Extraktion beeinflussen. Ein sensorischer Vorteil oder Nachteil durch einen sogenannten «Temperaturschock» lässt sich daraus nicht allgemein ableiten. Bei ganzen Bohnen kann das Mahlen im kalten Zustand zusätzlich die Partikelgrössenverteilung verändern.
Geschützte Reifung statt unkontrollierter Luftkontakt
Auch ohne Kontakt zur Umgebung entgast frisch gerösteter Kaffee weiter. Eine kontrollierte Ruhephase kann deshalb sinnvoll sein. Bei der Schutzgaslagerung wird ein grosser Teil der sauerstoffhaltigen Luft mit Stickstoff verdrängt. Während des Entgasens kann in einem geeigneten geschlossenen Behälter ein geringer Überdruck entstehen, der durch ein Ventil begrenzt wird. Die Sauerstoffreduktion dient dem Schutz der Aromatik, während CO₂ kontrolliert abgegeben beziehungsweise zurückgehalten wird. Dieser Prozess ist von einer offen liegenden Portion nach dem Entfernen ihrer Schutzfolie zu unterscheiden.
Bei Amici: Unsere gerösteten Bohnen ruhen chargenweise in geschlossenen Behältern, deren Atmosphäre zuvor mit Stickstoff gespült wird. Diese sauerstoffarme Umgebung schützt den Kaffee während der Ruhephase. Nach unserer sensorischen Erfahrung gewinnt der Kaffee dabei häufig an Harmonie und Ausgewogenheit. Bei unseren Papierportionen schützt die äussere Verpackung den bereits gemahlenen Kaffee bis unmittelbar vor der Zubereitung vor dem Luftkontakt.
Bei Amici – unsere Frischeempfehlung: Unsere internen sensorischen Panelbeurteilungen zeigen, dass das für unsere Kaffees angestrebte Aromaprofil nach Öffnung einer Schutzverpackung im Verlauf weniger Tage wahrnehmbar nachlassen kann. Als bewusst strenge Orientierung empfehlen wir deshalb, Kaffee aus angebrochenen Packungen – je nach Produktform und Lagerbedingungen – möglichst innerhalb von etwa sieben bis zehn Tagen zu verbrauchen. Für ganze Bohnen sind ein möglichst luftdichter Wiederverschluss und das Mahlen unmittelbar vor der Zubereitung besonders wichtig. Bereits gemahlene Papierportionen sind ohne ihre äussere Schutzverpackung empfindlicher; deshalb empfehlen wir, jede einzelne Portion erst unmittelbar vor der Zubereitung auszupacken. Die Empfehlung betrifft nicht ungeöffnete Einzelportionen und ist keine lebensmittelrechtliche Mindesthaltbarkeit: Ein Kaffee kann auch danach geniessbar sein, erfüllt aber möglicherweise unseren eigenen sensorischen Frischeanspruch nicht mehr.
Quellen: Cardelli & Labuza (2001), Einfluss von Sauerstoff und Wasseraktivität auf die Kaffeelagerung – https://doi.org/10.1006/fstl.2000.0732; Anese, Manzocco & Nicoli (2006), sekundäre Haltbarkeit gemahlenen Kaffees bei 30 °C – https://doi.org/10.1021/jf060204k; Smrke et al. (2022), Lagerung nach dem Öffnen – https://doi.org/10.1016/j.fpsl.2022.100893; Effect of Temperature and Storage on Coffee’s Volatile Compound Profile and Sensory Characteristics (2024), Foods – https://doi.org/10.3390/foods13243995; The Effects of Storage Temperature on the Aroma of Whole Bean Arabica Coffee Evaluated by Coffee Consumers (2018), Beverages – https://doi.org/10.3390/beverages4030068; Uman et al. (2016), Mahlen gekühlter Bohnen – https://doi.org/10.1038/srep24483; Specialty Coffee Association, Samo Smrke, The Science of Coffee Freshness (2019), zum Kondensationsrisiko – https://sca.coffee/sca-news/podcast/81/the-science-of-coffee-freshness-samo-smrke-expo-lectures-2019-6lrbe; Angaben zum Amici-Produktionsverfahren: Unternehmensangaben. Die angeführten Studien begründen keine allgemein gültige Frischegrenze für alle Packungsformen. Die separat gekennzeichnete Amici-Empfehlung beruht auf eigenen sensorischen Panelbeurteilungen.
Warum Kaffee eine Verpackung braucht – Frische und Umweltbilanz
Kaffee schmeckt am besten, wenn die beim Rösten entstandenen Aromen möglichst gut erhalten bleiben. Eine Verpackung muss deshalb vor allem den Kontakt mit Sauerstoff begrenzen. Sie schützt zudem vor Feuchtigkeit, Fremdgerüchen, Wärme- und Lichteinflüssen. Gerade bei gemahlenem Kaffee ist das anspruchsvoll: Durch die grosse Oberfläche können sich Aromastoffe schneller verflüchtigen und oxidative Alterungsreaktionen leichter ablaufen.
Die Primärhaltbarkeit beschreibt die Zeitspanne, in der Kaffee in der ungeöffneten Verpackung seine gewünschten Eigenschaften behält. Dafür stehen unterschiedliche technische Lösungen zur Verfügung: sauerstoffdichte Beutel, das Verdrängen der Luft durch Schutzgas, geeignete Barrierefolien, Aromaventile bei ganzen Bohnen oder einzeln geschützte Portionen. Ein Aromaventil soll hauptsächlich das vom Kaffee freigesetzte CO₂ entweichen lassen, ohne dass in gleichem Umfang Umgebungsluft zurückströmt.
Die sekundäre Haltbarkeit beginnt mit dem ersten Öffnen. Nun reicht ein gutes Verpackungsmaterial allein nicht mehr: Bei jedem Öffnen gelangt Luft an den Kaffee, beim Schliessen bleibt ein Teil davon im Behälter. Besonders gemahlener Kaffee kann dadurch innerhalb von Tagen an aromatischer Intensität und Frische verlieren. Wann das sensorisch auffällt, ist jedoch individuell verschieden. Eine spürbare Differenz im direkten Vergleich bedeutet nicht automatisch, dass ein Kaffee für den alltäglichen Genuss inakzeptabel geworden ist. Es gibt keine für alle Kaffees gültige Anzahl von Tagen, nach denen er unbrauchbar wäre.
Wie schnell sich die sensorische Akzeptanz verändern kann, zeigt eine Studie von Anese, Manzocco und Nicoli (2006). Die Forschenden lagerten dunkel gerösteten, gemahlenen Arabica bei 30 °C; die Behälter wurden täglich für eine Minute geöffnet. Die Testpersonen rochen an den Proben und entschieden, ob sie den Kaffee noch verwenden würden. Die gemessene Wasseraktivität (a_w) beschreibt, wie viel Wasser für physikalische und chemische Vorgänge verfügbar ist – sie ist nicht identisch mit dem prozentualen Wassergehalt. Bei höherer Wasseraktivität wurde der Kaffee früher abgelehnt.
Die folgende Übersicht zeigt die geschätzten Tage ab Beginn der simulierten offenen Nutzung, bis 50 % der Testpersonen die jeweilige Geruchsprobe ablehnten. Die Bandbreite in Klammern ist das statistische 95%-Konfidenzintervall; es handelt sich um Laborwerte unter den genannten Bedingungen, nicht um eine Haltbarkeitsgarantie für geöffnete Packungen zu Hause.
| Wasseraktivität (a_w) | Geschätzte Tage | 95%-Intervall (Tage) |
|---|---|---|
| 0,09 | 20 | 17–23 |
| 0,17 | 23 | 19–26 |
| 0,23 | 22 | 16–28 |
| 0,36 | 17 | 11–23 |
| 0,44 | 13 | 10–16 |
Bemerkenswert ist auch der chemische Befund: Am sensorischen Ablehnungspunkt betrug das gemessene Signal flüchtiger Verbindungen im Gasraum über dem Kaffee im Mittel ungefähr 60 % des anfänglichen Signals. Das bedeutet weder, dass pauschal 60 % aller Aromastoffe verloren waren, noch dass jeder Kaffee nach einer festen Anzahl von Tagen gleich schmeckt. Die untersuchte Gruppe beurteilte den Geruch des Pulvers, nicht die Qualität eines daraus extrahierten Espressos.
Was folgt daraus für den Alltag? Ganze Bohnen möglichst gut verschlossen, kühl und trocken aufbewahren und erst vor der Zubereitung mahlen. Gemahlenen Kaffee nach dem Öffnen möglichst rasch verwenden. Eine grössere Vorratspackung ist nur dann sinnvoll, wenn sie entsprechend schnell verbraucht wird. Kleine, einzeln geschützte Portionen vermeiden wiederholten Luftkontakt mit dem noch nicht verwendeten Kaffee; sie benötigen dafür zusätzliches Verpackungsmaterial.
Damit entsteht ein ökologischer Zielkonflikt. Eine leichte Folie kann beim Material- und Transportaufwand Vorteile haben, aber schwierig zu recyceln sein. Glas lässt sich vielerorts recyceln und teilweise wiederverwenden, ist jedoch schwerer. Auch besonders recyclinggerechte Materialien schützen nicht unter allen Umständen gleich gut vor Sauerstoff und Feuchtigkeit. Für eine seriöse Umweltbewertung müssen deshalb Material, Logistik, Haltbarkeit, mögliche Produktverluste und tatsächliche Entsorgung gemeinsam betrachtet werden.
Bei Amici: Die Papierportion und ihre äussere Schutzverpackung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Das Filterpapier lässt während der Zubereitung Wasser passieren, bildet aber für sich genommen keine luftdichte Barriere gegen Sauerstoff und Aromaverlust. Die Schutzverpackung soll den bereits gemahlenen Kaffee deshalb bis unmittelbar vor dem Gebrauch von der Umgebungsluft abschirmen. Für die bestmögliche sensorische Qualität empfehlen wir, die Portion erst direkt vor der Zubereitung auszupacken. Welche Verpackung insgesamt die beste Umweltbilanz aufweist, hängt unter anderem von Materialeinsatz, Aromaschutz, Recyclingmöglichkeiten und möglichem Produktverlust ab.
Quelle der Messwerte: Anese, Manzocco & Nicoli (2006), Tabelle 2. Wasseraktivität und Versuchsbedingungen sind keine allgemeingültige Lagerungsempfehlung.
Quellen: Anese, Manzocco & Nicoli (2006), Modeling the Secondary Shelf Life of Ground Roasted Coffee, J. Agric. Food Chem. 54, 5571–5576 – https://doi.org/10.1021/jf060204k; Cardelli & Labuza (2001), Sauerstoff und Haltbarkeit – https://doi.org/10.1006/fstl.2000.0732; Smrke et al. (2022), Lagerung nach Öffnung – https://doi.org/10.1016/j.fpsl.2022.100893; Temperaturvergleich 5 °C/20 °C (2024) – https://doi.org/10.3390/foods13243995; Die ökologischen Auswirkungen konkreter Verpackungen erfordern eine produktspezifische Lebenszyklusanalyse.
Kapitel E · Mahlen und Wasser
Mahlgrade – welche Methode welche Körnung braucht
Mahlen vergrössert die Oberfläche des Kaffees, mit der Wasser in Berührung kommt. Fein gemahlener Kaffee bietet bei sonst gleichen Bedingungen mehr Oberfläche und kann schneller Stoffe abgeben; im durchströmten Kaffeebett verändert der Mahlgrad gleichzeitig den Widerstand gegen den Wasserfluss.
Für Espresso wird meist fein gemahlen, für viele Handfiltermethoden mittelfein bis mittel und für die French Press häufig gröber. Türkischer Kaffee wird traditionell besonders fein vermahlen. Das sind nur Ausgangspunkte: Die passende Einstellung hängt auch von Mühle, Röstung, Rezept und gewünschter Tasse ab.
Eine Mahlgradeinstellung ist deshalb immer Teil eines konkreten Brührezepts. Bei Espresso beeinflussen Dosis, Verteilung, Druck und Bezugsmenge das Ergebnis; beim Handfilter kommen besonders das Verhältnis von Kaffee zu Wasser, Filter, Giessrhythmus und Kontaktzeit hinzu. Die jeweiligen Zusammenhänge werden in den Artikeln «Espresso – Definition und Physik», «Filterkaffee – Pour Over», «Das Brühverhältnis» und «Extraktion» vertieft. Wer ein Rezept abstimmt, verändert am besten nur eine Stellgrösse auf einmal.
Quellen: Specialty Coffee Association, Brewing Resources: https://sca.coffee/research; UC Davis Coffee Center: https://coffeecenter.ucdavis.edu/
Die Kaffeemühle – warum der Mahlgrad zählt
Beim Mahlen wird die Bohne in viele Partikel zerlegt. Damit wächst die Oberfläche, an der Wasser lösliche Stoffe aufnehmen kann. Mahlgrad und Partikelverteilung beeinflussen daher, wie schnell Wasser durch das Kaffeebett fliesst und welche Stoffe in die Tasse gelangen.
Schlagmesser zerkleinern die Bohnen vergleichsweise unkontrolliert. Mahlwerke mit Scheiben oder Kegeln ermöglichen dagegen eine reproduzierbarere Einstellung. Entscheidend ist jedoch nicht nur die mittlere Korngrösse, sondern auch die Verteilung der Partikel – vom gröberen Mahlgut bis zu den besonders feinen Teilchen («Fines»). Sie prägt sowohl die zugängliche Oberfläche als auch den Strömungswiderstand des Kaffeebetts. Welche Bauform die bessere Tasse liefert, lässt sich nicht allgemein festlegen: Geometrie, Zustand, Einstellung und Kaffee spielen zusammen.
Für Espresso sind kleine Veränderungen des Mahlgrads besonders deutlich zu spüren. Läuft ein Bezug bei sonst gleichen Bedingungen zu schnell, kann eine feinere Einstellung helfen; läuft er zu langsam, kann eine gröbere Einstellung sinnvoll sein. Die passende Einstellung ist dennoch kein unveränderlicher Zahlenwert auf dem Einstellrad. In einer viel benutzten Mühle verändern sich die Betriebsbedingungen im Lauf des Tages – manchmal ist mehrfaches Nachjustieren nötig, um denselben Espresso wiederholt zu erhalten.
Temperatur – weshalb eine Mühle im Tagesverlauf anders mahlen kann
Eine kalte Bohne bricht beim Mahlen nicht unbedingt gleich wie eine warme. Versuche haben gezeigt, dass die Ausgangstemperatur der Bohnen ihre Partikelgrössenverteilung messbar beeinflussen kann: Unter den untersuchten Bedingungen ergaben kältere Bohnen eine im Mittel feinere und engere Verteilung. Auch die Mahlscheiben selbst erwärmen sich während längerer Nutzung. Dadurch kann die gleiche mechanische Einstellung im Verlauf eines arbeitsreichen Tages ein anderes Mahlgut liefern.
Luftfeuchtigkeit, statische Aufladung und Kaffeefrische
Beim Zerkleinern und Reiben laden sich Kaffeepartikel elektrostatisch auf. Wie stark sie aneinanderhaften oder an Oberflächen der Mühle hängen bleiben, hängt unter anderem vom Feuchtegehalt des Kaffees und von der Umgebung ab. Auch die Bohnen verändern sich mit zunehmendem Alter nach der Röstung. Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Kaffeefrische können sich daher gemeinsam auf Dosierung, Mahlgutverteilung und Durchfluss auswirken. Ein Wetterwechsel erzwingt nicht automatisch eine andere Mahlgradeinstellung; ausschlaggebend ist, ob sich der Bezug tatsächlich verändert.
In der Praxis wird eine Mühle deshalb nicht allein nach einer Skalenmarkierung eingestellt, sondern anhand einer wiederholbaren Zubereitung: gleiche Dosis, gleiche Zielmenge, vergleichbare Zeit und anschliessende Verkostung. Verändert sich das Ergebnis, lässt sich der Mahlgrad nachführen, ohne gleichzeitig mehrere andere Parameter zu verstellen.
Quellen: Uman et al. (2016), The effect of bean origin and temperature on grinding roasted coffee, Scientific Reports – https://doi.org/10.1038/srep24483; Mohr et al. (2024), Moisture-controlled triboelectrification during coffee grinding, Matter – https://doi.org/10.1016/j.matt.2023.11.005; Studie zur Rolle feiner Partikel und wiederholter Mühleneinstellung, Scientific Reports (2024) – https://doi.org/10.1038/s41598-024-55831-x; Cameron et al. (2020), Systematically Improving Espresso – https://doi.org/10.1016/j.matt.2019.12.019
Wasser – die oft unterschätzte Zutat
Kaffee besteht überwiegend aus Wasser. Dessen Mineralgehalt und chemische Zusammensetzung beeinflussen sowohl den Geschmack als auch den Extraktionsvorgang. Besonders Calcium, Magnesium und Hydrogencarbonat spielen dabei eine Rolle.
Calcium- und Magnesiumionen können mit verschiedenen Inhaltsstoffen des Kaffees wechselwirken. Hydrogencarbonat trägt zur Pufferkapazität des Wassers bei und beeinflusst damit, wie deutlich Säure wahrgenommen wird. Sehr hartes Wasser kann ausserdem Kalkablagerungen in der Maschine begünstigen.
Eine einzige perfekte Wasserzusammensetzung für jeden Kaffee und jede Maschine gibt es nicht. Wer auffällige Geschmacksprobleme oder starke Verkalkung bemerkt, sollte die örtliche Wasserhärte kennen und gegebenenfalls eine geeignete Aufbereitung einsetzen – abgestimmt auf die Maschine und ihre Herstellerangaben.
Quellen: Hendon et al. (2014), The Role of Dissolved Cations in Coffee Extraction: https://doi.org/10.1021/jf501687c
Kapitel F · Extraktion und Zubereitung
Brühtemperatur
Die Wassertemperatur beeinflusst, wie schnell und in welcher Zusammensetzung lösliche Stoffe aus gemahlenem Kaffee in das Getränk übergehen. In vielen Brührezepten für heiss zubereiteten Kaffee bewegen sich die Temperaturen ungefähr zwischen 90 und 96 Grad Celsius. Das ist eine Orientierung, keine universelle Vorschrift für jede Bohne und jede Methode.
Bei höherer Temperatur laufen zahlreiche Extraktionsvorgänge schneller ab. Wie sich das sensorisch auswirkt, hängt jedoch gleichzeitig von Mahlgrad, Kontaktzeit, Getränkemenge, Röstung und Wasserzusammensetzung ab. Eine bestimmte Temperatur produziert daher nicht automatisch mehr Süsse oder mehr Bitterkeit.
Besonders wichtig ist die Wiederholbarkeit. Wer mehrere Tassen vergleichen möchte, sollte die Brühtemperatur möglichst konstant halten – und sie erst dann bewusst verändern, wenn die anderen Parameter bereits stimmen.
Quellen: Specialty Coffee Association, Coffee Brewing Standards and Research: https://sca.coffee/research; UC Davis Coffee Center: https://coffeecenter.ucdavis.edu/
Crema – die Schaumschicht des Espressos
Crema ist der feine Schaum, der sich beim Bezug eines Espressos auf der Oberfläche bildet. Kohlendioxid, das unter Druck aus dem Kaffee freigesetzt wird, bildet kleine Gasbläschen. Verschiedene Bestandteile des Getränks tragen dazu bei, dass diese Bläschen für eine gewisse Zeit stabil bleiben.
Wie viel Crema entsteht, hängt unter anderem von der Kaffeebohne, der Röstung, dem Alter des Kaffees, der Mahlung und den Bedingungen während des Bezugs ab. Mischungen mit Robusta können oft eine ausgeprägte Crema entwickeln. Auch sehr frisch gerösteter Kaffee kann besonders viel Gas abgeben.
Crema ist ein charakteristisches Merkmal vieler Espressi, aber kein zuverlässiges Gütesiegel. Eine dichte Schaumschicht garantiert weder eine ausgewogene Extraktion noch angenehme Aromen. Sie ist nur ein Teil eines komplexen Getränks, das gleichzeitig eine wässrige Lösung, fein verteilte Öle und schwebende Mikropartikel enthält. Wie diese Bestandteile zusammenwirken, erklärt der Artikel «Espresso – Definition und Physik». Entscheidend ist der Geschmack des gesamten Getränks – nicht allein das, was auf seiner Oberfläche liegt.
Quellen: Neglected Food Bubbles: The Espresso Coffee Foam (2011) – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3140933/; Investigation of the factors that affect the volume and stability of espresso crema (2019) – https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0963996918307105
Filterkaffee – Pour Over
Beim Pour Over wird heisses Wasser von Hand über gemahlenen Kaffee in einem Filter gegossen. Das Wasser durchströmt das Kaffeebett und läuft, von Papier oder einem anderen Filtermaterial zurückgehalten, als Getränk in die Kanne oder Tasse. Das Verfahren wirkt einfach, lässt aber viele Entscheidungen zu.
Die wichtigsten Stellgrössen sind Kaffeemenge, eingesetzte Wassermenge, Mahlgrad, Wassertemperatur, Filter, Kontaktzeit sowie Geschwindigkeit und Verteilung des Giessens. Diese Grössen wirken zusammen: Feineres Mahlgut kann den Durchfluss bremsen und die Extraktion verändern; ein anderer Giessrhythmus verändert die Benetzung und Strömung. Deshalb führt eine einzelne «richtige» Zahl nicht automatisch zur besten Tasse.
Orientierung beim Filterkaffee: Brühverhältnis und Brewing Control Chart
Für Filterkaffee gibt es kein dem italienischen Espresso vergleichbares, allgemein anerkanntes Fünf-M-Merkschema. Als Orientierung dient unter anderem das Brewing Control Chart, das die Getränkestärke (gelöste Stoffe, TDS) und die Extraktionsausbeute in Beziehung setzt. Klassische Referenzbereiche liegen häufig bei etwa 18–22 Prozent Extraktionsausbeute und rund 1,15–1,35 Prozent TDS. Das sind Vergleichsgrössen und keine scharfen Geschmacksgrenzen: Ob eine Tasse ausgewogen wirkt, muss weiterhin sensorisch beurteilt werden.
Ein verbreiteter Ausgangspunkt für Handfilter ist ein Verhältnis von ungefähr 55–60 g Kaffeemehl zu einem Liter Brühwasser. Von dort aus werden Mahlgrad, Wassermenge, Temperatur und Giessweise so abgestimmt, dass Stärke, Kontaktzeit und Aromaprofil zum Kaffee passen. Wie sich Brühverhältnis und Extraktion unterscheiden, erläutern die eigenen Fachartikel.
Handfilter werden häufig gewählt, um die Aromen eines Kaffees differenziert wahrzunehmen. Das ist kein Automatismus: Auch hier entscheidet die Zubereitung, ob die Tasse ausgewogen oder unausgeglichen wirkt. Gerade diese Offenheit macht Pour Over für neugierige Kaffeetrinker interessant.
Quellen: Specialty Coffee Association, Brewing Best Practices (SCA, 2019) – https://www.scith.coffee/wp-content/uploads/2021/03/SCA-Protocols-_-Best-Practices.pdf; SCA Home Coffee Brewers Standard 310-2021 – https://coffeegeek.com/wp-content/uploads/2023/10/SCAGoldCupStandard.pdf; UC Davis Coffee Center – https://coffeecenter.ucdavis.edu/
Die Chemex
Die Chemex wurde 1941 vom Chemiker und Erfinder Peter Schlumbohm entwickelt. Ihre klare, sanduhrähnliche Form aus Glas, häufig mit Holzkragen und Lederband, ist von Laborgeräten inspiriert. Heute gehört sie zur Designsammlung des Museum of Modern Art in New York.
Gebrüht wird mit einem gefalteten Papierfilter in der oberen Öffnung des Gefässes. Das Wasser durchläuft den gemahlenen Kaffee, während das Filterpapier einen grossen Teil der Schwebstoffe und bestimmter Öle zurückhält. So können besonders klare Getränke entstehen, deren Textur sich deutlich von der eines Espressos oder einer French Press unterscheidet.
Die Chemex verbindet zwei Ideen, die beim Kaffee oft getrennt betrachtet werden: funktionale Zubereitung und eigenständiges Produktdesign. Sie ist deshalb nicht nur ein Küchengerät, sondern auch ein Beispiel dafür, wie stark die Form eines Gegenstands das Ritual des Kaffeetrinkens prägen kann.
Quellen: Museum of Modern Art, Peter Schlumbohm, Chemex Coffee Maker (1941): https://www.moma.org/collection/works/1847; Chemex, Unternehmensgeschichte: https://chemexcoffeemaker.com/pages/85-years
French Press
Die French Press gehört zu den sogenannten Immersionsmethoden. Gemahlener Kaffee bleibt für eine bestimmte Zeit mit dem Wasser in Kontakt, bevor ein Stempelsieb das Kaffeemehl weitgehend vom Getränk trennt. Anders als bei vielen Handfiltern fliesst das Wasser also nicht von Anfang an durch ein trockenes Kaffeebett hindurch.
Weil meist ein Metallsieb und kein Papierfilter verwendet wird, können mehr feine Partikel und Kaffeeöle in der Tasse bleiben. Das ergibt häufig eine vollere Textur, gelegentlich auch etwas Bodensatz. Wie kräftig das Getränk schmeckt, hängt weiterhin von Dosierung, Mahlgrad, Temperatur und Ziehzeit ab.
Ein guter Ausgangspunkt ist grob bis mittelgrob gemahlener Kaffee, der einige Minuten zieht. Danach sollte der Stempel langsam abgesenkt und der Kaffee möglichst bald ausgeschenkt werden. Eine French Press belohnt weniger aufwendige Technik als vielmehr ein stimmiges Verhältnis von Zeit und Kaffeemenge.
Quellen: Specialty Coffee Association, Brewing Fundamentals: https://sca.coffee/research; UC Davis Coffee Center: https://coffeecenter.ucdavis.edu/
Cold Brew – Kaffee mit kaltem Wasser extrahieren
Cold Brew wird von Beginn an mit kaltem oder kühlem Wasser zubereitet. Anders als bei Iced Coffee, der zunächst heiss gebrüht und anschliessend abgekühlt oder über Eis serviert wird, findet die Extraktion beim Cold Brew bei niedriger Temperatur statt. Die beiden Getränke können deshalb trotz gleicher Bohnen unterschiedlich schmecken.
Wie funktioniert die kalte Extraktion?
Je nach Methode bleibt das Kaffeemehl längere Zeit im Wasser (Immersion) oder wird langsam von Wasser durchströmt (Cold Drip). Häufig verwendet man mittelgrob bis grob gemahlenen Kaffee. Weil die niedrigere Temperatur die Geschwindigkeit verschiedener Lösungsvorgänge verändert, braucht die Zubereitung meist deutlich mehr Zeit als ein heisser Filterkaffee. Als grobe Praxisorientierung werden häufig etwa 8 bis 24 Stunden genannt; das ist jedoch kein zwingendes Qualitätsoptimum. Untersuchungen zeigen, dass manche Inhaltsstoffe bereits wesentlich früher weitgehend extrahiert sein können.
Geschmack, Säure und Koffein
Cold Brew wirkt häufig weich, rund und weniger spitz in der Säurewahrnehmung. Wie er tatsächlich schmeckt, hängt aber stark von Rohkaffee, Röstung, Mahlgrad, Wasser, Brühverhältnis und Extraktionsdauer ab. Auch die Aussage, Cold Brew sei grundsätzlich chemisch weniger sauer, lässt sich nicht verallgemeinern: Wahrgenommene Säure, pH-Wert und titrierbare Säure beschreiben unterschiedliche Eigenschaften. Studien fanden abhängig vom Rezept teils ähnliche pH-Werte wie bei heiss gebrühtem Kaffee.
Dasselbe gilt für Koffein. Cold Brew ist nicht automatisch koffeinärmer oder koffeinreicher als heisser Kaffee. Die Konzentration hängt von Kaffeesorte, Dosierung, Wassermenge und Extraktion ab; eine konzentriert hergestellte Variante kann besonders viel Koffein pro Milliliter enthalten, wird aber oft noch mit Wasser oder Milch verdünnt. Vergleiche sind deshalb nur bei bekannter Rezeptur und gleicher Getränkemenge sinnvoll.
Vom Konzentrat bis zum Nitro Cold Brew
Cold Brew wird entweder trinkfertig zubereitet oder als Konzentrat hergestellt, das vor dem Servieren verdünnt wird. Nitro Cold Brew ist ein bereits kalt extrahierter Kaffee, dem bei der Ausgabe Stickstoffgas zugesetzt wird. Die feinen Gasbläschen erzeugen eine cremig wirkende Textur und eine charakteristische Schaumkrone. Die Stickstoffzugabe ist also eine Serviermethode und nicht mit der stickstoffgeschützten Lagerung von geröstetem Kaffee gleichzusetzen.
Hygiene und Aufbewahrung
Lange Kontaktzeiten mit Wasser und die anschliessende Aufbewahrung stellen Anforderungen an saubere Geräte, hygienische Verarbeitung und geeignete Kühlung. Cold Brew ist durch die kalte Herstellung nicht automatisch mikrobiologisch sicher oder beliebig lange haltbar. Insbesondere bei grösseren Mengen und abgefüllten Produkten müssen Herstellungsprozess, Temperaturführung und Haltbarkeit kontrolliert werden. Für die Zubereitung zu Hause empfiehlt sich sauberes Arbeiten, eine Extraktion und Aufbewahrung im Kühlschrank sowie ein zeitnaher Verbrauch.
Quellen: Fuller & Rao (2017), The Effect of Time, Roasting Temperature, and Grind Size on Caffeine and Chlorogenic Acid Concentrations in Cold Brew Coffee – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5740146/; Cordoba et al. (2019), Effect of grinding, extraction time and type of coffee on the physicochemical and flavour characteristics of cold brew coffee – https://doi.org/10.1038/s41598-019-44886-w; Lachenmeier et al. (2021), Cold Brew Coffee—Pilot Studies on Definition, Extraction, Consumer Preference, Chemical Characterization and Microbiological Hazards – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8071471/; Rao et al. (2020), Physiochemical Characteristics of Hot and Cold Brew Coffee Chemistry – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7404565/
Milch – Cappuccino, Latte und Flat White
Milch verändert nicht nur die Farbe des Kaffees. Ihre Süsse, ihr Fettgehalt und ihre Proteine prägen auch Textur, Mundgefühl und die Wahrnehmung von Bitterkeit. Beim Aufschäumen wird Luft in die Milch eingetragen; vor allem die Proteine tragen dazu bei, die entstehenden kleinen Blasen zu stabilisieren.
Für Cappuccino wird Espresso mit warmer Milch und feinem Milchschaum kombiniert; häufig liegt die gesamte Getränkemenge bei etwa 150–180 ml. Ein Caffè Latte enthält üblicherweise einen deutlich höheren Milchanteil und wird oft in einer Tasse oder einem Glas mit ungefähr 200–300 ml serviert. Beim Flat White steht häufig ein kräftiger Espressoanteil mit einer vergleichsweise dünnen Schicht feinporigen Schaums im Vordergrund; typische Portionen liegen etwa bei 150–200 ml. Genaue Mengen und Bezeichnungen unterscheiden sich regional und von Café zu Café. Die angegebenen Mengen beziehen sich jeweils auf das ganze Getränk einschliesslich Milch und Schaum.
Guter Mikroschaum ist glänzend, fein und gleichmässig, sodass er sich mit dem Espresso verbindet, statt als trockene Schaumschicht darauf zu liegen. Auch pflanzliche Alternativen lassen sich aufschäumen; ihr Verhalten hängt von den enthaltenen Proteinen, Fetten und der jeweiligen Rezeptur ab.
Warum warme Milch süsser wirken kann
Milch enthält von Natur aus Laktose (Milchzucker), die weniger süss schmeckt als gewöhnlicher Haushaltszucker. Beim sorgfältigen Erwärmen und Aufschäumen, oft auf etwa 55 bis 65 °C, kann ihre vorhandene Süsse stärker in den Vordergrund treten. Dazu tragen Temperatur, cremige Textur und die Wechselwirkung mit Säure und Bitterkeit des Espressos bei. Es wird dabei jedoch nicht einfach zusätzlicher Zucker erzeugt: Bei diesen üblichen Aufschäumtemperaturen karamellisiert der Milchzucker nicht in nennenswertem Umfang.
Beim Dampfschäumen werden zunächst kleine Luftbläschen eingetragen und anschliessend durch die Bewegung der Milch fein verteilt. Milchproteine helfen, die Grenzflächen der Bläschen zu stabilisieren; Fettgehalt und Temperatur beeinflussen das Mundgefühl. Zu stark erhitzte Milch kann an frischer Süsse verlieren, einen gekochten Eindruck entwickeln und eine weniger angenehme Schaumstruktur bekommen. Eine glänzende, feinporige Milchtextur verbindet sich dagegen besonders harmonisch mit Espresso.
Bei Amici: In unseren Cafés empfehlen wir, einen sorgfältig zubereiteten Cappuccino zunächst ohne zugesetzten Zucker zu probieren. Die natürliche Süsse gut aufgeschäumter Milch und das Zusammenspiel mit dem Espresso können bereits ein rundes Geschmackserlebnis ergeben. Ob jemand zusätzlich süssen möchte, bleibt selbstverständlich Geschmackssache.
Quellen: Specialty Coffee Association, Barista Skills – https://sca.coffee/education; International Dairy Foods Association, Milk Science – https://www.idfa.org/; Science & Food, The Science of Steamed Milk (2015) – https://www.scienceandfood.org/the-science-of-steamed-milk-understanding-your-latte-art/; Deeper Roots Coffee, Milk Science (2026) – https://www.deeperrootscoffee.com/continued-education/milk-science-rl9g8; Beispielhafte Getränkemengen: https://www.bean.ch/wp-content/uploads/200430_DH_Zubereitungsarten.pdf
Das Brühverhältnis (Brew Ratio)
Das Brühverhältnis beschreibt, wie viel Kaffee im Verhältnis zu Wasser oder zum fertigen Getränk eingesetzt wird. Welche Bezugsgrösse gemeint ist, hängt von der Zubereitungsart ab. Beim Filterkaffee wird üblicherweise die eingesetzte Wassermenge verglichen: 30 g Kaffee auf 500 g Brühwasser entsprechen etwa 1:16,7. Bei Espresso ist dagegen häufig das Verhältnis von Kaffeemehl zum Gewicht des fertigen Getränks gemeint: Aus 18 g Kaffee und 36 g Espresso wird ein Verhältnis von 1:2. Die beiden Angaben sind also nicht ohne Weiteres vergleichbar. Das Brühverhältnis prägt die Stärke, sagt für sich genommen aber noch nicht, wie viel Kaffee extrahiert wurde oder wie ausgewogen das Getränk schmeckt.
Quellen: Specialty Coffee Association, Grundlagen zum Brewing Ratio – https://sca.coffee/research; Smrke, Water and Coffee Acidity: How to Adapt Your Water for Different Extraction Methods, SCA – https://sca.coffee/sca-news/25/issue-9/english/water-and-coffee-acidity-how-to-adapt-your-water-for-different-extraction-methods-25-magazine-issue-9-pxjby; Cameron et al. (2020), Matter – https://doi.org/10.1016/j.matt.2019.12.019
Extraktion — was Kaffee eigentlich ist
Beim Brühen löst Wasser einen Teil der löslichen Bestandteile aus gemahlenem Kaffee. Wie viel davon in die Tasse gelangt und in welchem Verhältnis die Stoffe wahrgenommen werden, hängt von Mahlgrad, Wassertemperatur, Kontaktzeit, Brühverhältnis und Strömung durch das Kaffeebett ab. Die Begriffe Unterextraktion, ausgewogene Extraktion und Überextraktion beschreiben unterschiedliche Ergebnisse dieses Zusammenspiels. Sie gelten für Filterkaffee ebenso wie für Espresso, auch wenn die jeweiligen Rezepte und Konzentrationen deutlich voneinander abweichen.
Unterextraktion – wenn zu wenig gelöst wird
Bei einer Unterextraktion werden aus dem verwendeten Kaffeemehl insgesamt zu wenige lösliche Stoffe gewonnen. In der Tasse kann der Kaffee dann unausgewogen, dünn, auffallend sauer oder wenig süss wirken. Eine zu grobe Mahlung, ein zu kurzer Kontakt mit dem Wasser oder eine unzureichende Benetzung können dazu beitragen. Eine ausgeprägte Säure allein beweist jedoch keine Unterextraktion: Sie kann auch zum natürlichen Profil einer Herkunft oder zu einer helleren Röstung gehören.
Ausgewogene Extraktion – das gewünschte Geschmacksprofil
Bei einer gut abgestimmten Extraktion ergänzen sich Süsse, Säure, Bitterkeit, Aromatik und Mundgefühl entsprechend dem gewünschten Rezept. Das bedeutet nicht, dass jeder Kaffee gleich schmecken soll: Ein fruchtiger Filterkaffee kann eine andere Balance haben als ein kräftiger Espresso. Entscheidend ist, dass die Eigenschaften des Kaffees klar und harmonisch zur Geltung kommen. Deshalb ist «richtig extrahiert» kein einziger, weltweit verbindlicher Geschmackswert.
Überextraktion – wenn unerwünschte Eindrücke überwiegen
Bei übermässiger Extraktion können bittere, trockene, raue oder adstringierende Eindrücke dominieren; feinere Aromen und Süsse treten dann unter Umständen zurück. Begünstigt werden kann dies durch sehr feine Mahlung oder eine zu intensive beziehungsweise lange Extraktion. Aber auch hier gilt: Bitterkeit allein beweist keine Überextraktion, denn Rohkaffee und Röstgrad prägen die Bitterkeit ebenfalls. Und Astringenz bezeichnet das zusammenziehende, trockene Mundgefühl, nicht einfach einen bitteren Geschmack.
Extraktionsausbeute und Stärke sind nicht dasselbe
Zwei Grössen helfen, einen Brühvorgang objektiver zu beschreiben. Die Extraktionsausbeute bezeichnet den Anteil der ursprünglich eingesetzten Kaffeemehlmasse, der als gelöste Stoffe ins Getränk übergegangen ist. Die Getränkestärke beschreibt dagegen die Konzentration dieser gelösten Stoffe in der Tasse (Total Dissolved Solids, TDS). Ein Kaffee kann deshalb stark und zugleich unterextrahiert sein – oder vergleichsweise schwach und dennoch weit extrahiert. Der klassische Brewing Control Chart der Specialty Coffee Association markiert für Filterkaffee einen historischen Orientierungsbereich von etwa 18–22 % Extraktionsausbeute; das ist keine starre Geschmacksgrenze und kein universelles Soll für Espresso.
Warum dieselbe Tasse zugleich unter- und überextrahierte Bereiche enthalten kann
Das Wasser durchströmt das Kaffeebett nicht immer gleichmässig. Bei sogenanntem Channeling fliesst es bevorzugt durch einzelne Bereiche; andere Stellen werden zu wenig benetzt. So können im selben Brühvorgang unterschiedlich stark extrahierte Bereiche entstehen. Ein rechnerischer Durchschnittswert verdeckt diese Unterschiede. Deshalb reicht es nicht, nur die Bezugszeit oder die insgesamt gelöste Menge zu betrachten.
Was lässt sich beim nächsten Bezug verändern?
Schmeckt ein Kaffee auffallend dünn und unreif sauer, kann ein etwas feinerer Mahlgrad oder eine bessere Benetzung helfen; wirkt er unangenehm trocken und bitter, lohnt sich unter anderem ein Blick auf Mahlgrad, Wassermenge und Kontaktzeit. Bei Espresso sind zusätzlich die Verteilung des Kaffeemehls, das Tampen und der Druckverlauf wichtig. Sinnvoll ist, möglichst jeweils nur eine Einstellung zu verändern und dann erneut zu verkosten. Die folgenden Artikel über Channeling, Tampen, den Siebträger und Druckprofile erläutern diese Zusammenhänge im Detail.
Quellen: Specialty Coffee Association, Brewing Control Chart (2019) – https://static1.squarespace.com/static/587af1d4db29d69a1a226b95/t/60aece65e4f2134d99f6e646/1622068839009/SCA%2BBrewing%2BChart%2B-%2BRevised%2BMarch%2B2019-US-Letter.pdf; SCAE, European Extraction Preferences in Brewed Coffee – https://static1.squarespace.com/static/584f6bbef5e23149e5522201/t/59a5e977c534a545652c48f8/1504045435759/SCAE_Gold_Cup_European_Extraction_Preferences.pdf; Cameron et al. (2020), Systematically Improving Espresso, Matter, 2, 631–648 – https://doi.org/10.1016/j.matt.2019.12.019
Channeling, Tampen, Verteilung
Beim Espresso durchströmt das Brühwasser ein kompaktes Bett aus fein gemahlenem Kaffee. Das Wasser nimmt bevorzugt Wege mit geringerem Widerstand. Entstehen lokale Hohlräume, Risse oder unterschiedlich dichte Bereiche, kann es zu sogenanntem Channeling kommen: Manche Stellen werden stärker durchströmt und andere weniger. Die Extraktion verläuft dann ungleichmässig. Ob Channeling auftritt, lässt sich weder an der Bezugszeit noch an einem einzigen Druckwert sicher erkennen.
Verteilen – ein gleichmässiges Kaffeebett vorbereiten
Frisch gemahlenes Kaffeemehl kann Klumpen bilden und im Sieb ungleichmässig liegen. Beim Verteilen – etwa durch sorgfältiges Nivellieren oder das Auflockern grösserer Klumpen – soll möglichst über die gesamte Fläche eine ähnliche Packungsdichte entstehen. Besonders am Rand des Siebes können Lücken oder eine ungleichmässige Verteilung den späteren Wasserfluss beeinflussen.
Tampen – der letzte Schritt vor der Extraktion
Tampen bezeichnet das kontrollierte Andrücken des verteilten Kaffeemehls mit einem passenden Stempel, dem Tamper. Dabei verdichtet sich das Mahlgut zu einem zusammenhängenden, möglichst ebenen Kaffeebett (Puck). Die Verdichtung verändert dessen Porosität und Durchlässigkeit: Das Brühwasser trifft auf einen definierten Strömungswiderstand, statt ungehindert durch lockeres Pulver zu fliessen.
Wichtig sind vor allem die möglichst gleichmässige Verteilung vor dem Tampen, ein zur Siebform passender Tamper und ein gerader, reproduzierbarer Druck auf die Oberfläche. Wer schief tampt, riskiert unterschiedlich hohe und unterschiedlich verdichtete Bereiche. Besonders kräftiges Andrücken ist dagegen kein Qualitätsziel an sich. Sobald das Kaffeebett ausreichend verdichtet ist, bringt noch mehr Kraft nicht zwangsläufig eine bessere Extraktion. Eine Versuchsreihe mit 150 Espressi fand bei den dort verglichenen Tampkräften von 10, 15 und 20 Kilogramm keine statistisch signifikanten Unterschiede bei Bezugszeit und Konzentration gelöster Stoffe.
Warum Tampen allein Channeling nicht verhindern kann
Auch ein optisch perfekt ebener Puck kann ungleichmässig durchströmt werden. Mahlgrad und Partikelverteilung, Kaffeemenge, Siebgeometrie, Benetzung und Brühdruck wirken ebenso mit. Das Ziel ist daher kein besonders festes Kaffeebett, sondern eine möglichst gleichmässige und wiederholbare Vorbereitung, die zu Kaffee und Extraktionsrezept passt. Bei Papierportionen ist diese Verdichtung in der Regel bereits Bestandteil der industriellen Portionierung; ein manueller Tampvorgang entfällt.
Quellen: Untersuchung zu Espresso-Extraktion und Verdichtung des Kaffeebetts, Journal of Food Engineering (2022) – https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0260877422003557; Kaffeemacher, Untersuchung an 150 Espressi zum Anpressdruck (2025) – https://kaffeemacher.de/en/blogs/kaffeewissen/press-pressure-tamper; Hendon et al. (2020), Matter – https://doi.org/10.1016/j.matt.2019.12.019
Der Siebträger
Beim Siebträger wird frisch gemahlener Kaffee in ein herausnehmbares Metallsieb dosiert, möglichst gleichmässig verteilt und mit einem Tamper zu einem ebenen Kaffeebett verdichtet. Während des Bezugs durchströmt heisses Wasser dieses Bett unter Druck. Dosis, Mahlgrad, Verteilung, Tampen, Temperatur, Druckverlauf und Getränkemenge beeinflussen gemeinsam das Ergebnis. Deshalb bietet die Methode viele Einstellmöglichkeiten, verlangt aber auch eine sorgfältige Abstimmung von Mühle, Kaffee und Maschine. Was beim Tampen physikalisch geschieht und warum ein ungleichmässiger Puck Channeling begünstigen kann, erklärt der vorangehende Artikel.
Quelle: Hendon et al. (2020), Matter, 2, 631–648 – https://doi.org/10.1016/j.matt.2019.12.019
Espresso – Definition und Physik
Espresso ist eine Zubereitungsart und keine eigene Kaffeebohne. Heisses Wasser wird unter Druck durch ein kompaktes Bett aus fein gemahlenem Kaffee geführt. Dadurch entsteht in kurzer Zeit ein konzentriertes Getränk mit intensiver Aromatik und häufig einer charakteristischen Crema. Ein klassischer einzelner Espresso umfasst als grobe Richtgrösse etwa 25–30 ml Getränk einschliesslich Crema. Für reproduzierbare Brührezepte wird die Ausbeute häufig in Gramm gemessen, weil die Schaummenge das Volumen in Millilitern verändert.
In vielen Rezepten arbeiten Espressomaschinen mit einem Brühdruck in der Grössenordnung von neun bar. Dieser Wert ist keine unveränderliche Naturkonstante: Moderne Maschinen erlauben auch Präinfusion und veränderliche Druck- oder Durchflussprofile. Entscheidend sind Mahlgrad, Kaffeemenge, Temperatur, Strömungswiderstand und Bezugsmenge sowie die Art, wie sich Wasser durch das Kaffeebett bewegt. Näheres dazu erklärt der Artikel «Präinfusion und Druckprofile».
Die Crema entsteht unter anderem durch Gase aus dem Kaffee, die beim Druckabfall fein verteilt werden. Ihre Menge und Farbe hängen von zahlreichen Bedingungen ab. Eine schöne Crema kann ein Teil des Espressoerlebnisses sein, beweist für sich genommen aber noch keine hohe geschmackliche Qualität.
Die fünf M des italienischen Espressos
Die italienische Espressotradition fasst die wesentlichen Voraussetzungen für eine gelungene Zubereitung häufig in fünf Begriffen zusammen, die alle mit M beginnen. Sie bilden kein starres Zahlenrezept, sondern zeigen, wie Rohkaffee, Technik und menschliche Sorgfalt zusammenspielen:
Miscela – Kaffee und Mischung: Herkunft, Auswahl, Röstung, Zusammensetzung und Frische des verwendeten Kaffees bestimmen das sensorische Potenzial.
Macinatura – Mahlung: Mahlgrad und Partikelverteilung beeinflussen den Widerstand des Kaffeebetts, die Bezugszeit und die Extraktion; auch die Dosierung muss dazu passen.
Macchina – Espressomaschine: Temperaturstabilität, Druck, Wasserführung und die technische Auslegung beeinflussen, wie reproduzierbar ein Espresso entsteht.
Mano – die Hand des Menschen: Erfahrung und Sorgfalt beim Einstellen, Dosieren, Verteilen und Zubereiten entscheiden mit darüber, ob aus denselben Zutaten wiederholt ein ausgewogener Espresso wird.
Manutenzione – Pflege und Wartung: Reinigung, geeignete Wasserqualität und die regelmässige Kontrolle von Maschine und Mühle verhindern vermeidbare Geschmacks- und Funktionsprobleme.
Manche Darstellungen bezeichnen das zweite M als «Macinadosatore», also als Mahl- und Dosiergerät. Gemeint ist derselbe Grundgedanke: Selbst hervorragender Kaffee kann sein Potenzial nur entfalten, wenn alle Teile der Zubereitung aufeinander abgestimmt sind. Welche konkreten Parameter dafür relevant sind, erklären die Artikel zu Mahlgrad, Mühle, Wasser, Brühverhältnis, Channeling und Extraktion.
Warum Espresso ein Mehrphasensystem ist
Espresso ist physikalisch mehr als eine Lösung von Kaffeestoffen in Wasser. Er verbindet mehrere Zustände und Verteilungen: In der wässrigen Phase sind beispielsweise Koffein, organische Säuren und andere lösliche Bestandteile gelöst (Lösung). Feinste Tröpfchen von Kaffeeölen sind im Wasser verteilt (Öl-in-Wasser-Emulsion). Zugleich können winzige feste Kaffeepartikel im Getränk schweben (Suspension).
Hinzu kommt die gasförmige Phase: Vor allem Kohlendioxid aus der gerösteten Bohne bildet beim Druckabfall feine Bläschen. Mit der Flüssigkeit und ihren oberflächenaktiven Bestandteilen entsteht daraus die Crema. In diesem Sinn begegnen sich im Espresso Gas, Flüssigkeit und feste Teilchen. Die Begriffe Lösung, Emulsion und Suspension beschreiben dabei verschiedene Formen, in denen Inhaltsstoffe in der Tasse vorliegen, nicht drei voneinander getrennte Getränkeschichten.
Das Zusammenspiel dieser Bestandteile prägt sowohl die Aromafreisetzung als auch das Mundgefühl. Die gasgefüllten Bläschen der Crema, fein verteilte Öle und mikroskopische Feststoffpartikel unterscheiden Espresso deshalb von vielen papiergefilterten Zubereitungen, bei denen ein grosser Teil der Öle und Schwebstoffe zurückgehalten wird.
Quellen: Neglected Food Bubbles: The Espresso Coffee Foam, Food Biophysics (2011) – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3140933/; Investigation of the factors that affect the volume and stability of espresso crema, Food Research International (2019) – https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0963996918307105; Influence of Flow Rate, Particle Size, and Temperature on Espresso Extraction Kinetics (2023) – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10418593/
Präinfusion und Druckprofile – Espresso unter variablem Druck
Espresso wird oft mit einem konstanten Brühdruck von etwa neun bar verbunden. Tatsächlich hängt die Extraktion aber nicht nur davon ab, wie hoch der Druck ist, sondern auch davon, wann er aufgebaut wird und wie das Wasser im Laufe des Bezugs durch das Kaffeebett fliesst. Manche Maschinen halten den Druck in der Hauptphase annähernd konstant, andere verändern ihn gezielt. Diese zeitliche Steuerung nennt man Druckprofil.
Präinfusion – das Kaffeebett zuerst benetzen
Bei der Präinfusion (Preinfusion) wird das Mahlgut zunächst mit Wasser benetzt, bevor der volle Brühdruck anliegt. Das kann bei niedrigem Druck, geringerem Durchfluss oder durch eine kurze Benetzungsphase mit anschliessender Pause erfolgen. Ziel ist eine kontrollierte Durchfeuchtung, während die Partikel Wasser aufnehmen und sich das Kaffeebett verändert. Präinfusion kann die Extraktion gleichmässiger machen, verhindert Channeling aber nicht automatisch.
Konstanter Druck und variable Druckprofile
Beim klassischen Ansatz wird nach dem Druckaufbau ein über weite Strecken ähnlicher Brühdruck angestrebt. Ein variables Profil kann dagegen beispielsweise mit niedrigerem Druck beginnen, zu einem höheren Druck ansteigen und gegen Ende wieder abfallen. Die Maschine beeinflusst damit den Antrieb des Wasserstroms und die Extraktion der verschiedenen Stoffe. Welcher Verlauf sinnvoll ist, hängt von Kaffee, Mahlgrad, Dosierung, Sieb und gewünschter Getränkemenge ab.
Druck ist nicht dasselbe wie Durchfluss
Druck bezeichnet die antreibende Kraft pro Fläche, Durchfluss die Wassermenge pro Zeit. Beide Grössen sind über den Strömungswiderstand des Kaffeebetts verbunden. Der Puck kann sich während des Bezugs durch Benetzung, Quellung, Umlagerung und das Herauslösen von Stoffen verändern. Darum muss eine Einstellung von beispielsweise neun bar nicht während jeder Sekunde denselben Durchfluss erzeugen. Bei der Durchflussregelung (Flow Profiling) steuert die Maschine stärker die abgegebene Wassermenge pro Zeit; der Druck ergibt sich dann aus den jeweiligen Bedingungen.
Mehr Druck ist deshalb nicht automatisch besser, und ein anspruchsvolles Profil garantiert keinen besseren Espresso. Solche Profile erweitern die Möglichkeiten des Baristas. Ihre Wirkung lässt sich nur im Zusammenhang mit Mahlgrad, Verteilung, Tampen, Wassertemperatur und sensorischem Ergebnis beurteilen.
Quellen: Influence of Flow Rate, Particle Size, and Temperature on Espresso Extraction Kinetics (2023) – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10418593/; Hendon et al. (2020), Systematically Improving Espresso, Matter – https://doi.org/10.1016/j.matt.2019.12.019; Espresso-Puck und Durchflussdynamik: https://arxiv.org/abs/2512.21528
Ristretto, Lungo, Doppio – was die Begriffe bedeuten
Ristretto, Espresso und Lungo gehören zur gleichen Zubereitungsfamilie. Die Begriffe beschreiben unterschiedliche Getränkemengen und Extraktionsweisen: Ein Ristretto wird kurz, ein Lungo länger durch dasselbe Kaffeebett bezogen. Der Doppio wird mit einer entsprechend grösseren Kaffeedosis zubereitet. Die folgenden Mengen helfen bei der Orientierung; sie sind keine weltweit verbindlichen Normen.
Typische Getränkemengen im Überblick (ohne feste Normierung):
| Getränk | Typische Getränkemenge |
|---|---|
| Ristretto | etwa 15–20 ml |
| Espresso | etwa 25–30 ml |
| Lungo | etwa 45–60 ml |
| Doppio | etwa 50–60 ml |
| Café Crème | etwa 110–150 ml |
| Americano | häufig 120–200 ml; je nach zugesetztem Wasser |
| Cappuccino | etwa 150–180 ml inklusive Milch und Schaum |
| Flat White | etwa 150–200 ml inklusive Milch |
| Caffè Latte | etwa 200–300 ml inklusive Milch |
Die Richtwerte beziehen sich auf die Tasse; bei Milchgetränken ist die Milch enthalten. Crema kann das abgelesene Volumen verändern. Für technische Vergleiche ist beim Espresso das Gewicht des fertigen Getränks in Gramm oft präziser als die Volumenangabe in Millilitern. Kaffeedosis, Geschmack, Maschine und regionale Tradition beeinflussen die tatsächlichen Rezepturen.
Beim Americano wird ein fertig bezogener Espresso anschliessend mit heissem Wasser verlängert; das ist etwas anderes als ein Lungo, bei dem mehr Wasser durch das Kaffeemehl fliesst. Der Café Crème folgt einer eigenständigen Schweizer Zubereitungstradition, die im nächsten Artikel erklärt wird.
Wichtig ist: Eine grössere Getränkemenge verändert nicht nur die Konzentration, sondern unter Umständen auch die Zusammensetzung der gelösten Stoffe. Darum kann ein Lungo anders schmecken als ein verdünnter Espresso. Ob er als bitterer, milder oder ausgewogener wahrgenommen wird, hängt stark vom konkreten Rezept ab.
Quellen: Studie zu Ristretto, Espresso und Lungo (2023): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10418593/; Istituto Nazionale Espresso Italiano, technische Richtwerte: https://www.espressoitaliano.org/files/File/istituzionale_inei_hq_en.pdf; Procafé (Schweizer Kaffee-Vereinigung), Café Crème: https://www.procafe.ch/fr/portfolio/cafe-creme/; ZURIGA, Getränkerezepte: https://support.zuriga.com/hc/de/articles/4480139164561-Rezepte-Kaffeegetr%C3%A4nke
Café Crème – der Schweizer Kaffee unter Druck
Café Crème, in der Schweiz auch «Schümli» genannt, ist eine eigenständige Zubereitungsart. Heisses Wasser wird – häufig im Vollautomaten – unter Druck durch gemahlenen Kaffee geführt. Das Ergebnis umfasst typischerweise 110–150 ml Kaffee und trägt eine feine, goldbraune Schaumschicht.
Der Name bedeutet nicht, dass Rahm enthalten sein muss. Zwar wird oft Kaffeerahm oder Milch dazugereicht, doch kennzeichnend sind Getränkemenge und Druckextraktion. Die Schaumschicht ähnelt der Crema des Espressos, kann sich aber in Menge und Stabilität unterscheiden.
Ein anderes Brührezept als beim Espresso
Für den Café Crème werden Kaffeedosis, Mahlgrad, Wassermenge und Durchfluss anders abgestimmt als beim kurzen Espresso. Häufig ist der Mahlgrad etwas gröber. So kann mehr Wasser in geeigneter Zeit durch das Kaffeebett fliessen, ohne dass die Extraktion unausgewogen wird.
Café Crème, Lungo und Americano – die Unterschiede
Beim Lungo läuft mehr Wasser durch den Espressopuck, beim Americano wird ein fertiger Espresso mit Wasser verdünnt. Beim Café Crème gehört die grössere Getränkemenge von Anfang an zu einem darauf abgestimmten Brührezept. Entsprechend können die Getränke deutlich unterschiedlich schmecken.
Die Schweizer Kaffee-Vereinigung Procafé nennt als Beispiel rund 9 g Kaffeemehl und 120–130 ml Wasser. Andere Betriebe verwenden abweichende Dosierungen. Ausschlaggebend ist ein ausgewogenes, wiederholbares Ergebnis.
Quellen: Procafé, Café Crème / Schümli: https://www.procafe.ch/fr/portfolio/cafe-creme/; Café crème, Schweizer Tradition und Technik, Kaffeewissen (2017): https://ub-sachdokpdf.ub.unibas.ch/sachdok/2017/BAU_1_001497885_4_2017.pdf; KaffeeWerkStadt Zürich, Zubereitungs-Richtwerte: https://kaffeewerkstadt.ch/faqs/wie-ist-ein-ristretto-espresso-cappuccino-cafe-creme-definiert-richtwert/
Die Hario V60
Die V60 ist ein Handfilter mit einer konischen Form im Winkel von 60 Grad. Ihre spiralförmigen Rippen halten Abstand zwischen Filterpapier und Wand; durch eine grössere Öffnung am Boden kann das Wasser ablaufen. Hario brachte die V60 Mitte der 2000er-Jahre auf den Markt.
Bei der V60 steuert die zubereitende Person einen grossen Teil des Prozesses selbst: Kaffeemenge, Mahlgrad, Temperatur, Geschwindigkeit und Verteilung des Wassers. Bereits kleine Unterschiede können die Durchlaufzeit und die sensorische Wirkung verändern.
Die Methode eignet sich deshalb besonders für alle, die gerne experimentieren. Ein schrittweises Vorgehen hilft: zunächst ein konstantes Brühverhältnis wählen und anschliessend jeweils nur einen Parameter verändern.
Quellen: Hario, Herstellerbeschreibung und Produktgeschichte: https://www.hario-europe.com/pages/about; Hario, Konstruktion der V60: https://www.hariokitchen.eu/pages/about-the-v60
Die Moka – ein italienischer Klassiker
Die Moka Express wurde 1933 von Alfonso Bialetti entworfen und entwickelte sich zu einem der bekanntesten italienischen Küchenobjekte. Sie bereitet Kaffee mit Hilfe von Druck zu: Beim Erhitzen wird Wasser aus dem unteren Behälter durch das Kaffeemehl in den oberen Teil der Kanne gedrückt.
Die Moka arbeitet mit deutlich geringerem Druck als eine typische Espressomaschine; der Überdruck entsteht durch die Erwärmung des Wassers und der Gase im unteren Behälter. Das Wasser wird durch einen Trichter mit Kaffeemehl nach oben gedrückt. Die Temperatur und der Wasserfluss ändern sich während des Bezugs. Das Ergebnis ist deshalb kein Espresso im technischen Sinn, sondern ein eigenständiger, oft kräftiger Kaffee. Geschmack und Intensität hängen von Kaffee, Mahlgrad, Wassermenge, Herdleistung und dem Zeitpunkt ab, an dem die Kanne vom Herd genommen wird.
Für die Zubereitung wird der Wasserbehälter nur bis zur vorgesehenen Markierung beziehungsweise unterhalb des Sicherheitsventils gefüllt. Das Kaffeemehl kommt locker und möglichst gleichmässig in den Trichter, ohne es mit einem Tamper fest anzupressen: Das Brühsystem ist nicht für den Widerstand eines stark verdichteten Espressopucks ausgelegt. Zu starke Hitze kann am Ende der Zubereitung unangenehme Noten fördern. Die Kanne sollte gemäss Herstelleranleitung gereinigt und regelmässig auf den Zustand von Dichtung und Sicherheitsventil geprüft werden.
Quellen: Museum of Modern Art, Moka Express, Alfonso Bialetti, 1933: https://www.moma.org/collection/works/118645
Türkischer Kaffee und die Cezve
Türkischer Kaffee bezeichnet vor allem eine besondere Zubereitungsmethode – nicht eine eigene Kaffeeart und auch nicht zwingend Kaffee aus der Türkei. Die Bohnen werden besonders fein, nahezu puderartig gemahlen. Kaffeemehl, Wasser und nach Wunsch Zucker kommen gemeinsam in eine kleine langstielige Kanne, die Cezve (auch Ibrik genannt). Die Mischung wird langsam erwärmt, bis sich der charakteristische Schaum hebt. Langes sprudelndes Kochen ist dabei nicht das Ziel.
Anders als bei Filterkaffee oder Espresso wird das Kaffeemehl vor dem Servieren nicht herausgefiltert. Es gelangt mit dem Getränk in die Tasse und setzt sich dort allmählich ab. Deshalb trinkt man die letzten Schlucke mit dem Kaffeesatz gewöhnlich nicht mit. Traditionelle Tassen fassen ungefähr 60–90 Milliliter; Rezepte und Süssegrad unterscheiden sich regional und nach persönlichem Geschmack.
Der helle Schaum auf dem türkischen Kaffee entsteht beim Erhitzen und darf nicht mit der unter hohem Extraktionsdruck gebildeten Espresso-Crema verwechselt werden. Entscheidend sind die Feinheit des Mahlguts, das Verhältnis von Wasser und Kaffee, die Temperaturführung und das rechtzeitige Beenden des Erhitzens.
Zur Zubereitung gehört eine lebendige Kultur der Gastfreundschaft. Oft wird die Tasse mit einem Glas Wasser angeboten; gemeinsames Trinken, Gespräche und Rituale haben eine lange Tradition. Die UNESCO nahm die türkische Kaffeekultur 2013 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Ihre historische Verbreitung über das Osmanische Reich wird im Geschichtskapitel behandelt.
Quellen: UNESCO, Turkish Coffee Culture and Tradition (2013) – https://ich.unesco.org/en/RL/turkish-coffee-culture-and-tradition-00645; Türk Kahvesi, EU-Anmeldung zur geschützten geografischen Angabe (2025), Angaben zu Zubereitung und Tassenvolumen – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:52025XC05912
Kapitel G · Systeme
Papierportionen – Aufbau, Extraktion und Aromaschutz
Bei vorportioniertem Kaffee wird gemahlener Kaffee zwischen durchlässigem Filterpapier geformt und gegebenenfalls verdichtet. Papierportionen verschiedener Systeme unterscheiden sich unter anderem in Kaffeedosis, Geometrie, Verdichtung und Mahlgrad. Zusammen mit Temperatur, Brühdruck, Wasserverteilung und Getränkemenge beeinflussen diese Merkmale die Extraktion. Keine einzelne Eigenschaft garantiert für sich genommen ein bestimmtes Geschmacksergebnis.
Die Papierhülle hält den gemahlenen Kaffee während der Zubereitung zusammen und lässt Wasser hindurch. Sie ist jedoch keine luftdichte Aromabarriere. Für die Lagerung können daher zusätzliche Schutzverpackungen erforderlich sein. Wie bei anderem gemahlenem Kaffee beeinflussen Sauerstoff, Feuchtigkeit und Temperatur die Frische.
Auch wenn Papierportionen ähnlich aussehen, sind sie nicht automatisch in denselben Maschinen verwendbar. Abmessungen, Dichtungen, Brühdruck und Strömungsweg müssen zum jeweiligen System passen. Ein offener Standard wie E.S.E. definiert bestimmte Kompatibilitätsbedingungen; daneben gibt es eigenständige Portionssysteme mit anderen konstruktiven Merkmalen.
Quellen: Consorzio E.S.E., technischer Standard – https://eseconsortium.com/en/standard; allgemeine Zusammenhänge der Extraktion von gemahlenem Kaffee – https://doi.org/10.1016/j.matt.2019.12.019; Smrke et al. (2022), Aroma und Lagerung nach Öffnen – https://doi.org/10.1016/j.fpsl.2022.100893.
Der E.S.E.-Standard – Espresso in Papierportionen
E.S.E. steht für «Easy Serving Espresso». Bei diesem offenen Branchenstandard wird eine festgelegte Menge gemahlener Kaffee zwischen zwei Lagen Filterpapier gepresst. Der E.S.E.-Verband definiert eine typische Kaffeemenge von sieben Gramm und technische Vorgaben für die Portion, deren Durchmesser bei ungefähr 44 Millimetern liegt. Bei einem Systemstandard sind diese Masse keine beliebigen Produkteigenschaften, sondern Teil der angestrebten Kompatibilität zwischen Portionen und Maschinen.
Der Gedanke des Standards ist die Wahlfreiheit: E.S.E.-kompatible Portionen können in dafür vorgesehenen Maschinen verschiedener Anbieter verwendet werden. Die Kennzeichnung der tatsächlichen E.S.E.-Kompatibilität ist dabei entscheidend; nicht jede Maschine für weiche Kaffeepads oder Papierportionen ist automatisch eine E.S.E.-Maschine.
Das Papier hält den Kaffee in Form, ersetzt aber nicht die richtige Auslegung des Brühvorgangs. Röstung, Mahlgrad, Portion und Maschine beeinflussen auch bei standardisierten Portionen das Ergebnis. Für den Konsumenten liegt der praktische Vorteil vor allem in der portionierten, vergleichsweise unkomplizierten Zubereitung.
Quellen: Consorzio E.S.E., offizieller Branchenstandard: https://eseconsortium.com/en/standard
Das Reniala System – Espresso mit Papierportionen
Das Reniala System ist ein eigenständiges Espressosystem aus einer speziell ausgelegten Kaffeemaschine und dazu passenden Papierportionen. Wie beim E.S.E.-Prinzip ist der Kaffee bereits gemahlen, dosiert und zwischen Lagen von Filterpapier geformt. Die konstruktiven Vorgaben und die Abstimmung von Portion und Brühvorrichtung sind jedoch systemspezifisch.
Portion und Kompatibilität
Eine Reniala-Papierportion enthält zehn Gramm gemahlenen, verdichteten Kaffee. Die höhere Kaffeemenge gegenüber einer klassischen E.S.E.-Portion ist ein technisches Merkmal des Systems, aber für sich genommen noch kein Beleg für eine generell bessere Extraktion. Entscheidend sind die Geometrie und Verdichtung des Kaffeebetts, der Mahlgrad, die Temperatur, die Wasserführung und die gewählte Getränkemenge. Trotz vergleichbarer äusserer Grundform sind Reniala- und E.S.E.-Portionen nicht untereinander austauschbar.
Die R1 – Maschine und Bedienung
Die für das System entwickelte Reniala R1 wird in Italien gefertigt. Ihr dafür konstruierter Filterhalter nimmt die Portion auf und erlaubt eine abgestimmte Extraktion; ein patentierter Mechanismus vereinfacht das Auswerfen der gebrauchten Portion. Die Maschine verfügt über eine geregelte Brühtemperatur, programmierbare Getränkemengen und Energiesparfunktionen. Die Idee besteht darin, die für Espresso entscheidenden Parameter durch das Zusammenspiel von Maschine und Portion reproduzierbar zu machen, ohne dass bei jeder Zubereitung gemahlen und dosiert werden muss.
Verschiedene Kaffees, gemeinsames System
Die Systemtechnik ist von der jeweiligen Kaffeerezeptur zu unterscheiden. Zu den Marken mit Kaffeeangeboten für das Reniala System zählen Amici Caffè, L’Arbre à Café und Caffè Bonacchi. Jede Marke kann ihre eigenen Kaffees und Röstprofile innerhalb der technischen Vorgaben des Systems anbieten. Dadurch bleiben die Herkunft, die Röstung und der gewünschte Geschmack eigenständige Entscheidungen – auch wenn dieselbe Maschinenplattform verwendet wird.
Warum die Portion eine Schutzverpackung benötigt
Das Filterpapier hält die Portion während der Extraktion zusammen, verhindert aber keine Luft- und Sauerstoffaufnahme während der Lagerung. Deshalb benötigt der bereits gemahlene Kaffee eine geeignete äussere Aromaschutzverpackung. Sie sollte erst unmittelbar vor der Zubereitung geöffnet werden. Die technischen Merkmale des Systems ändern nichts an den allgemeinen physikalischen und chemischen Vorgängen, die im Artikel «Entgasen und Frische» beschrieben werden.
Quellen: Reniala R1, technische Angaben und Systembeschreibung – https://campaign.amici.ch/r1/; Amici, Reniala R1 – https://www.amici.ch/de/kaffeemaschinen-fuer-das-system-ten/876-pre-order.html; L’Arbre à Café, Reniala-System und eigene Kaffeeportionen – https://www.larbreacafe.com/pages/reniala-system; Consorzio E.S.E., technischer Standard zur Abgrenzung – https://eseconsortium.com/en/standard; ergänzende Angaben zur Systemteilnahme von Caffè Bonacchi nach Auskunft von Amici.
Kapitel H · Sensorik
Kaffee degustieren – Aroma, Geschmack und Mundgefühl
Kaffee zu verkosten bedeutet mehr, als zu entscheiden, ob eine Tasse schmeckt. Die Wahrnehmung setzt sich aus dem Duft vor dem Trinken, den Geschmackseindrücken auf der Zunge, den Aromen, die beim Schlucken über den Rachen zur Nase gelangen, sowie den körperlichen Eindrücken im Mund zusammen. Diese Ebenen lassen sich bewusst beobachten und beschreiben – auch ohne professionelle Ausbildung.
Erster Eindruck – mit der Nase beginnen
Schon bevor der Kaffee die Lippen berührt, steigen flüchtige Duftstoffe aus der Tasse auf. Sie können an Früchte, Blumen, Nüsse, Kakao, Gewürze oder Röstnoten erinnern. Solche Vergleiche beschreiben Assoziationen, nicht tatsächlich zugesetzte Zutaten. Ein sorgfältiger Vergleich gelingt am besten mit neutralen Begriffen statt vorschnellen Qualitätsurteilen.
Der erste Schluck – Geschmack und Textur unterscheiden
Beim Trinken sind zunächst grundlegende Geschmackseindrücke wie Süsse, Säure und Bitterkeit wahrnehmbar. Gleichzeitig entsteht das Mundgefühl: Wirkt der Kaffee leicht oder voll, dünnflüssig oder cremig, glatt oder rau? Bei Espresso können fein verteilte Kaffeeöle, Schwebstoffe und die Crema zu einer besonderen Textur beitragen. Auch Astringenz – ein trockenes, zusammenziehendes Mundgefühl – gehört hierher, ist aber kein eigener Grundgeschmack.
Aromen im Mund – mehr als Geschmack auf der Zunge
Viele der Noten, die wir im Alltag als «Geschmack» bezeichnen, entstehen durch retronasales Riechen: Beim Trinken und Ausatmen gelangen Aromastoffe vom Mundraum zur Nase. Deshalb kann ein Kaffee in der Tasse anders duften, als er während des Trinkens wahrgenommen wird. Eine ausgewogene Verkostung berücksichtigt beides.
Nachgeschmack und Temperatur
Nach dem Schlucken lohnt es sich, auf Länge und Charakter des Nachgeschmacks zu achten. Bleibt der Eindruck angenehm süss, fruchtig oder schokoladig, oder dominiert eine scharfe Bitterkeit beziehungsweise Trockenheit? Beim Abkühlen kann sich die Wahrnehmung verändern: Manche Düfte werden schwächer, andere Geschmacks- und Struktureindrücke treten deutlicher hervor. Deshalb lassen sich viele Kaffees bei mehr als einer Trinktemperatur besser beurteilen.
Bewusst vergleichen
Ein einfacher Degustationsversuch beginnt mit zwei Kaffees oder zwei unterschiedlich zubereiteten Tassen desselben Kaffees. Zunächst riechen, dann in kleinen Schlucken probieren, auf Mundgefühl und Nachgeschmack achten und die Tassen nach etwas Abkühlung nochmals vergleichen. Hilfreich ist, die Eindrücke getrennt festzuhalten: Aroma, Süsse, Säure, Bitterkeit, Körper, Astringenz und Abgang. Das Coffee Taster’s Flavor Wheel unterstützt bei der Wahl präziser Aromabegriffe, während formale Cupping-Protokolle Vergleiche unter kontrollierten Bedingungen ermöglichen.
Quellen: ISO 18794:2025, Coffee – Sensory analysis – Vocabulary – https://www.iso.org/obp/ui?_escaped_fragment_=iso%3Astd%3Aiso%3A18794%3Aed-2%3Av1%3Aen; World Coffee Research, Sensory Lexicon – https://worldcoffeeresearch.org/; Specialty Coffee Association, Coffee Value Assessment – https://sca.coffee/value-assessment/; Specialty Coffee Association, Coffee Taster’s Flavor Wheel – https://sca.coffee/store/flavor-wheel
Das Aromarad
Das Coffee Taster’s Flavor Wheel ist ein gemeinsamer Wortschatz zur Beschreibung von Kaffee. Die Specialty Coffee Association hat das Aromarad 2016 gemeinsam mit World Coffee Research überarbeitet. Es ordnet sensorische Eindrücke in Gruppen und zunehmend spezifische Begriffe ein. Beschreibungen wie «Zitrus», «Kakao» oder «Jasmin» benennen Wahrnehmungen und Assoziationen; sie bedeuten nicht zwangsläufig, dass diese Zutaten im Kaffee enthalten sind. Das Aromarad beschreibt vor allem Aroma- und Geruchseindrücke: Geschmacksempfindungen, Körper und Astringenz werden zusätzlich beurteilt, wie im Artikel «Kaffee degustieren» erklärt.
Quelle: Specialty Coffee Association – Coffee Taster’s Flavor Wheel – https://sca.coffee/store/flavor-wheel
Süsse, Bitterkeit, Körper, Astringenz und Abgang
Süsse, Bitterkeit, Körper und Nachgeschmack gehören zu den zentralen Wahrnehmungsdimensionen von Kaffee. Süsse bezeichnet den süssen sensorischen Eindruck, nicht einfach den Zuckergehalt im fertigen Getränk. Bitterkeit kann je nach Intensität und Kontext angenehm oder störend wirken. Körper beschreibt das Mundgefühl, unter anderem beeinflusst durch gelöste und suspendierte Bestandteile. Der Nachgeschmack bezeichnet Eindrücke, die nach dem Schlucken anhalten. Ihre Bewertung hängt auch von persönlichen Vorlieben ab.
Astringenz – wenn der Kaffee den Mund trocken wirken lässt
Astringenz ist kein weiterer Grundgeschmack wie süss, sauer oder bitter. Sie bezeichnet eine eher taktile Empfindung: Mund und Zunge wirken trocken, rau oder leicht zusammengezogen – ähnlich wie nach einem sehr kräftigen Schwarztee oder unreifen Früchten. Der Eindruck kann noch nach dem Schlucken anhalten.
Eine mögliche Ursache sind Wechselwirkungen bestimmter phenolischer Verbindungen und anderer Kaffeemoleküle mit Proteinen im Speichel. Wenn dadurch die natürliche Gleitfähigkeit im Mund abnimmt, wird die Oberfläche als rauer oder trockener wahrgenommen. Die genauen Mechanismen sind komplex, und Bitterkeit muss nicht mit Astringenz einhergehen. Eine besonders starke Astringenz kann beispielsweise bei ungünstigem Ausgangsmaterial oder einer unausgewogenen Zubereitung auffallen.
Zur sensorischen Beurteilung gehört daher die Frage, ob ein Kaffee lediglich kräftig und bitter schmeckt oder ob er zusätzlich ein pelzig-trockenes Mundgefühl hinterlässt. Auch ein dichter Körper ist nicht dasselbe wie Astringenz: Ein Espresso kann zugleich voll und geschmeidig wirken, ohne trocken zu sein.
Quellen: ISO 18794:2025, Coffee – Sensory analysis – Vocabulary, Begriffe für Mundgefühl und Astringenz – https://www.iso.org/obp/ui?_escaped_fragment_=iso%3Astd%3Aiso%3A18794%3Aed-2%3Av1%3Aen; Chemical characterization and sensory evaluation of a phenolic-rich melanoidin isolate contributing to coffee astringency, Food & Function (2025) – https://doi.org/10.1039/D4FO04934A; Specialty Coffee Association, Coffee Value Assessment – https://sca.coffee/value-assessment/
Säure – die Lebendigkeit des Kaffees
Wenn von Säure im Kaffee die Rede ist, geht es nicht nur um einen chemisch messbaren Wert, sondern auch um einen sensorischen Eindruck. Eine ausgewogene Säure kann Kaffee lebendig, saftig oder frisch erscheinen lassen – ähnlich wie bei Obst oder Wein.
Sie kann an Zitrusfrüchte, grüne Äpfel oder reife Beeren erinnern. Solche Vergleiche helfen beim Beschreiben, sind aber keine eindeutige chemische Diagnose. Was wir als «zitrisch» erleben, lässt sich nicht einfach auf das Vorhandensein einer einzigen Säure reduzieren.
Ob Säure angenehm oder störend wirkt, hängt vom Verhältnis zu Süsse, Bitterkeit, Körper und Aroma ab. Auch Röstung, Aufbereitung und Extraktion verändern die Wahrnehmung. Deshalb ist «säurearm» nicht automatisch besser – und «sauer» nicht zwangsläufig ein Fehler.
Quellen: World Coffee Research, Sensory Lexicon: https://worldcoffeeresearch.org/read-more/news/174-world-coffee-research-sensory-lexicon; Williams et al. (2023), Charakterisierung von Säure, Mundgefühl und Abgang: https://doi.org/10.1111/joss.12886
Kapitel I · Koffein und Gesundheit
Koffein — das Molekül
Koffein ist ein natürlich vorkommender Inhaltsstoff des Kaffees. Es beeinflusst die Wachheit, unter anderem indem es die Wirkung des Botenstoffs Adenosin an bestimmten Rezeptoren hemmt. Wie stark und wie lange Koffein wirkt, ist individuell verschieden. Auch der Zeitpunkt des Konsums spielt eine Rolle: Koffein kann den Schlaf beeinflussen.
Quelle: EFSA NDA Panel (2015), EFSA Journal 13(5):4102 – https://doi.org/10.2903/j.efsa.2015.4102
Wie viel Koffein steckt in einer Tasse?
Der Koffeingehalt eines Kaffees hängt unter anderem von der Art der Bohne, der eingesetzten Kaffeemenge und der Zubereitung ab. Deshalb lässt sich aus der Bezeichnung «Espresso», «Lungo» oder «Filterkaffee» allein nicht zuverlässig auf eine feste Menge Koffein schliessen.
Ein besonders deutlicher Unterschied besteht zwischen den Kaffeearten: Robusta weist bei gleichem Trockengewicht üblicherweise einen deutlich höheren Koffeingehalt auf als Arabica. Werden jeweils gleich viel 100-prozentiger Arabica beziehungsweise 100-prozentiger Robusta mit derselben Methode zubereitet, liefert Robusta daher normalerweise auch mehr Koffein in die Tasse. Ein doppelt so hoher Gehalt in der Bohne bedeutet allerdings nicht automatisch exakt doppelt so viel Koffein in jeder Tasse, denn auch der Extraktionsgrad variiert.
Als Orientierung nennt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für einen Espresso mit 60 Millilitern ungefähr 80 Milligramm Koffein und für 200 Milliliter Filterkaffee ungefähr 90 Milligramm. Das sind beispielhafte Werte, keine garantierten Gehalte jeder Tasse.
Für gesunde Erwachsene betrachtet die EFSA einzelne Dosen bis 200 Milligramm und eine über den Tag verteilte Aufnahme bis 400 Milligramm aus allen Quellen grundsätzlich als unbedenklich. Für Schwangere nennt sie maximal 200 Milligramm täglich. Menschen unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Empfindlichkeit; bereits geringere Mengen können etwa den Schlaf beeinträchtigen.
Quellen: EFSA, wissenschaftliche Bewertung zu Koffein (2015): https://www.efsa.europa.eu/de/topics/topic/caffeine; Caffeine Consumption through Coffee (2019), Beverages 5(2), 37 – https://doi.org/10.3390/beverages5020037
Entkoffeinierung – wie Koffein entfernt wird
Bei der Entkoffeinierung wird Koffein meist vor der Röstung aus dem Rohkaffee entfernt. Dafür stehen unterschiedliche Verfahren zur Verfügung. Sie nutzen das Prinzip, Koffein aus der Bohne herauszulösen und dabei möglichst viele andere Kaffeeinhaltsstoffe zu erhalten.
Zu den verbreiteten Verfahren zählen die Behandlung mit Wasser und Aktivkohle, die Extraktion mit Kohlendioxid unter hohem Druck sowie Verfahren mit zugelassenen Lösungsmitteln wie Ethylacetat oder Dichlormethan. Sie unterscheiden sich im technischen Ablauf. Aus der Bezeichnung allein lässt sich jedoch nicht zuverlässig ableiten, welches Verfahren sensorisch die besten Ergebnisse liefert.
Entkoffeinierter Kaffee ist nicht vollkommen koffeinfrei. In der Schweiz darf entsprechend deklarierter entkoffeinierter Kaffee nach der Röstung höchstens 0,1 Massenprozent Koffein bezogen auf die Trockensubstanz enthalten. Welche Restmenge in einer konkreten Tasse landet, hängt zusätzlich von der Zubereitung ab.
Quellen: Specialty Coffee Association, Chemistry of Decaf: https://sca.coffee/sca-news/coffee-decoded-21-chemistry-of-decaf; Kanton Zürich, Hinweise zu koffeinfreiem Kaffee und Restkoffein: https://www.zh.ch/de/gesundheit/lebensmittel-gebrauchsgegenstaende/lebensmittel/umgang-lebensmittel.html
Kapitel J · Geschichte und Kultur
Äthiopien – der Ursprung
Die Geschichte des Kaffees beginnt lange vor den ersten Kaffeehäusern. Die wild wachsenden Vorfahren des Arabica-Kaffees sind im heutigen Äthiopien beheimatet. Besonders die Bergwälder im Südwesten des Landes besitzen bis heute eine aussergewöhnliche genetische Vielfalt. Sie sind ein wichtiger Teil des natürlichen Erbes der Kaffeepflanze.
Wie die anregende Wirkung des Kaffees entdeckt wurde, lässt sich historisch nicht genau rekonstruieren. Die berühmte Geschichte vom Ziegenhirten Kaldi, dessen Tiere nach dem Verzehr von Kaffeefrüchten ungewöhnlich lebhaft gewesen sein sollen, ist eine Legende. Sie wurde erst viele Jahrhunderte nach den vermuteten Anfängen des Kaffeekonsums schriftlich bekannt.
Unbestritten ist dagegen die kulturelle Bedeutung des Kaffees in Äthiopien. Bei der traditionellen Kaffeezeremonie werden Bohnen geröstet, zerkleinert und in einer Jebena, einer bauchigen Kanne, zubereitet. Das gemeinsame Trinken ist ein Zeichen der Gastfreundschaft und ein Anlass für Gespräche. Kaffee erscheint hier nicht bloss als Getränk, sondern als Zeit, die man miteinander teilt.
Quellen: UNESCO, Ethiopia, the home of coffee (2023): https://www.unesco.org/en/articles/ethiopia-home-coffee
Jemen, die Sufis und Mokka
Als regelmässig zubereitetes Getränk ist Kaffee historisch besonders eng mit dem Jemen verbunden. Seit dem 15. Jahrhundert verbreitete sich dort der Kaffeegenuss, unter anderem in religiösen Gemeinschaften der Sufis. Die anregende Wirkung passte zu nächtlichen Gebeten und anderen gemeinschaftlichen Ritualen.
Über Handelswege und Pilgerreisen gelangte das Getränk auf die Arabische Halbinsel, nach Nordafrika und weiter in das Osmanische Reich. Kaffee war dabei nicht nur ein Handelsgut. Er brachte Menschen an neuen Orten zusammen und löste immer wieder Diskussionen darüber aus, ob und wo man ihn trinken dürfe.
Der Name «Mokka» erinnert an al-Mukha, eine jemenitische Hafenstadt am Roten Meer, die in der Geschichte des Kaffeehandels bekannt wurde. Ihr Warenverkehr war jedoch vielfältiger, als die spätere Kaffeelegende manchmal vermuten lässt. Mokka ist damit zugleich ein geografischer Name und ein Stück Handelsgeschichte – lange bevor das Wort im europäischen Sprachgebrauch verschiedene Kaffeezubereitungen bezeichnete.
Quellen: British Museum, Life in a Cup – Coffee Culture in the Islamic World: https://www.britishmuseum.org/exhibitions/life-cup-coffee-culture-islamic-world; UNESCO, Ethiopia, the home of coffee: https://www.unesco.org/en/articles/ethiopia-home-coffee; C. G. Brouwer (2008), Itinerario, Forschung zum Handel von al-Mukha: https://doi.org/10.1017/S0165115300001972
Das Kaffeehaus – Istanbul, Venedig, London, Wien
Kaffeehäuser wurden in vielen Städten zu Orten des Gesprächs, des Handels und der öffentlichen Debatte. Im Istanbul des 16. Jahrhunderts entwickelte sich eine lebendige Kaffeehauskultur. Später verbreiteten sich entsprechende Treffpunkte auch in europäischen Städten – und erhielten dort jeweils ihren eigenen Charakter.
In Venedig eröffnete 1720 das Caffè Florian am Markusplatz; es besteht bis heute. In London trafen sich Kaufleute und Schiffsbesitzer in spezialisierten Coffee Houses, um Nachrichten auszutauschen und Geschäfte anzubahnen. Aus dem Haus von Edward Lloyd, das spätestens 1688 belegt ist, entwickelte sich schliesslich der bekannte Versicherungsmarkt Lloyd’s.
Wien wiederum machte das Kaffeehaus zu einer eigenen Institution: mit Zeitungen, kleinen Marmortischen und Gästen, die auch für längere Gespräche blieben. Die oft erzählte Geschichte, Georg Franz Kolschitzky habe nach der Belagerung von 1683 das erste Wiener Kaffeehaus eröffnet, gehört ins Reich der Legenden; historische Darstellungen nennen stattdessen den Armenier Johannes Diodato. Seit 2011 steht die Wiener Kaffeehauskultur im nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes Österreichs.
Der eigentliche gemeinsame Nenner all dieser Orte ist nicht der Kaffee allein. Es ist die Möglichkeit, für den Preis einer Tasse an einem Stück Öffentlichkeit teilzunehmen.
Ein besonderer Wandel vollzog sich in Italien im 20. Jahrhundert. Mit der Verbreitung des Espressos verlagerte sich in vielen Städten der Kaffee vom längeren Aufenthalt am Tisch zum schnellen Genuss «al banco», im Stehen an der Bar. Espressomaschine und Theke rückten ins Zentrum der Raumgestaltung. Die Kaffeebar wurde damit auch eine Antwort auf den Rhythmus einer urbanen Arbeitswelt – ohne ihre soziale Bedeutung vollständig zu verlieren.
Quellen: British Museum, Life in a Cup: https://www.britishmuseum.org/exhibitions/life-cup-coffee-culture-islamic-world; Caffè Florian, Geschichte: https://caffeflorian.com/en/florian-venezia/history/; Lloyd’s, Coffee and Commerce: https://www.lloyds.com/about-lloyds/history/coffee-and-commerce; Österreichische UNESCO-Kommission, Wiener Kaffeehauskultur: https://www.unesco.at/kultur/immaterielles-kulturerbe/verzeichnis/element/wiener-kaffeehauskultur; Baldioli (2006), L’espresso. Modernità e tradizione nell’Italia del caffè; E. V. L. Illy (2011), The Evolution of American Coffee Consumption, Kap. 2.4 (Masterarbeit, historische Sekundäranalyse)
Die Erfindung des Espressos
Espresso wurde nicht an einem einzigen Tag erfunden. Er entstand aus einer Folge technischer Entwicklungen, die alle dasselbe Ziel verfolgten: Kaffee frisch und unmittelbar vor dem Servieren zuzubereiten. Angelo Moriondo liess 1884 in Turin eine frühe dampfbetriebene Kaffeemaschine patentieren. Luigi Bezzera entwickelte um 1901 Maschinen für einzelne Portionen weiter; Desiderio Pavoni trug ab 1905 zu ihrer Verbreitung in italienischen Bars bei.
Einen entscheidenden Fortschritt erzielte 1935 Francesco Illy in Triest mit der Illetta. Während frühe Espressomaschinen Dampfdruck nutzten, um heisses Wasser durch das Kaffeemehl zu treiben, setzte die Illetta dafür Druckluft ein. Dadurch liessen sich die Erhitzung des Wassers und der für die Extraktion benötigte Druck voneinander trennen. Das half, die Überhitzung des Kaffeemehls zu vermeiden und die Zubereitung besser zu kontrollieren. Die Illetta gilt deshalb als wichtiger Vorläufer der modernen Espressomaschine.
Ein weiterer Entwicklungsschritt folgte mit Achille Gaggia. 1947 meldete er eine federunterstützte Hebelkonstruktion zum Patent an. Sie ermöglichte hohe Brühdrücke und prägte in der Nachkriegszeit den Espresso mit seiner charakteristischen Crema. Illys Druckluftsystem und Gaggias Hebeltechnik waren unterschiedliche technische Antworten auf dieselbe Herausforderung: einen konzentrierten Kaffee unter kontrollierten Bedingungen zuzubereiten.
1961 setzte die Faema E61 mit einer elektrisch angetriebenen Pumpe einen weiteren Meilenstein. Damit liess sich der Brühdruck unabhängig von der Handkraft des Baristas erzeugen. Bis heute bleibt Espresso eine Verbindung aus Technik und Handwerk: Mahlgrad, Dosis, Temperatur und Bezugsmenge entscheiden mit über das Ergebnis.
Der Espresso ist damit mehr als eine konzentrierte Tasse Kaffee. Er ist auch ein Stück italienischer Industrie- und Alltagsgeschichte – entwickelt hinter der Theke, für einen kurzen Moment an der Bar.
Quellen: Jonathan Morris, Making Italian Espresso, Making Espresso Italian, Food and History 8(2), 2010, DOI: 10.1484/J.FOOD.1.102222; Università Cattolica, CERSI, Illy-Fallstudie (2009), Tabelle der Innovationen: https://centridiricerca.unicatt.it/cersi-CERSI_CCA_4_2009_Illy%281%29.PDF
Von der italienischen Espressobar zum amerikanischen Coffee Shop
Die italienische Kaffeebar und das amerikanische Coffee Shop sind eng miteinander verbunden – sie sind jedoch nicht dasselbe. In Italien wurde Espresso im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem kurzen Alltagsritual. Wer an der Theke einen Kaffee bestellt, bekommt ein frisch zubereitetes Getränk und oft einen ebenso kurzen Moment sozialer Begegnung.
In den Vereinigten Staaten dominierte nach dem Zweiten Weltkrieg lange der industriell verarbeitete Kaffee für den Haushalt. Daneben wuchs ab den 1960er-Jahren eine kleinere Bewegung, die wieder stärker auf ganze Bohnen, frische Röstung und bewusst gewählte Herkünfte setzte. Alfred Peet eröffnete 1966 in Berkeley einen Laden, in dem er nicht nur Kaffee verkaufte, sondern auch Wissen über Bohnen, Röstung und Zubereitung vermittelte. Die Gründer von Starbucks, dessen erster Laden 1971 in Seattle eröffnete, orientierten sich zunächst an diesem Modell des Bohnenverkaufs.
Den entscheidenden Impuls zur amerikanischen Espressobar lieferte später die italienische Café-Kultur. Howard Schultz lernte sie Anfang der 1980er-Jahre auf einer Reise nach Mailand kennen. Besonders beeindruckte ihn die Verbindung aus Espresso, Bedienung, Atmosphäre und alltäglicher Begegnung. 1986 eröffnete er unter dem Namen Il Giornale ein eigenes, italienisch inspiriertes Café; 1987 übernahm er mit seinen Partnern die Starbucks-Geschäfte und führte das Unternehmen unter diesem Namen weiter.
Damit veränderte sich auch das Geschäftsmodell: Neben dem Kaffee als Produkt rückte das Café als Erlebnis in den Vordergrund. Die national und später international wachsenden Filialnetze machten Espressogetränke breiteren Kundengruppen zugänglich. Standardisierte Abläufe sicherten dabei Wiedererkennbarkeit und schnelle Bedienung. Zugleich entstanden neue Fragen nach dem Verhältnis von handwerklicher Individualität, Qualität und wirtschaftlicher Skalierung.
Diese Geschichte erklärt einen wichtigen Unterschied: Ein Kaffeehaus kann wegen seiner Atmosphäre, seiner sozialen Funktion oder seines Kaffees besucht werden – oft wegen allem zusammen. Die dritte Welle knüpfte später wieder besonders deutlich am Kaffee als landwirtschaftlichem Produkt und an seiner individuellen Zubereitung an.
Quellen: E. V. L. Illy (2011), The Evolution of American Coffee Consumption, Masterarbeit, Kap. 2.4, 3.3, 4.2–4.3 und 5; mit weiteren Nachweisen bei Nancy F. Koehn (2005), Howard Schultz and Starbucks Coffee Company; Bryant Simon (2009), Everything but the Coffee; Mark Pendergrast (2010), Uncommon Grounds. Ergänzend: Peet’s, Unternehmenschronik – https://www.peets.com/pages/timeline
Die drei Wellen des Kaffees
Die erste, zweite und dritte Welle der Kaffeekultur sind ein rückblickendes Deutungsmodell, das vor allem für die Entwicklung in den Vereinigten Staaten verwendet wird. Es beschreibt unterschiedliche Schwerpunkte der Kaffeeversorgung und des Kaffeegenusses, keine weltweit gültige Abfolge. In Ländern mit langer Kaffeehaustradition verlief die Geschichte anders.
Erste Welle – Kaffee wird alltäglich. Im späten 19. und im 20. Jahrhundert verbreiteten industrielle Röstung, haltbare Verpackungen, Markenwerbung und der Einzelhandel Kaffee in immer mehr Haushalten. Der Markt entwickelte sich vielerorts zu einem Geschäft grosser Mengen und stark vergleichbarer Produkte. Herkunft und individuelle Geschmacksunterschiede spielten im Massenmarkt oft eine geringere Rolle als Preis, Verfügbarkeit und einfache Zubereitung.
Zweite Welle – Kaffee bekommt einen Ort und eine Geschichte. Ab den 1960er-Jahren machten kleinere amerikanische Röster, darunter Alfred Peet, auf frische Bohnen, Herkünfte und Rösthandwerk aufmerksam. Die spätere Expansion von Kaffeehausketten brachte das Erlebnis der italienisch inspirierten Espressobar, Milchgetränke und den Cafébesuch als Teil des Alltags in den amerikanischen Mainstream. Die Verbreitung erforderte wiederholbare Abläufe, gleichbleibende Produkte und organisierte Lieferketten.
Dritte Welle – der Kaffee selbst wird zum Mittelpunkt. Seit den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren betonten zahlreiche unabhängige Röster und Cafés einzelne Farmen, Varietäten, Aufbereitung, transparente Beziehungen zu Produzenten, präzise Röstprofile und die bewusste Zubereitung. Kleinere Partien und wechselnde Angebote wurden nicht mehr ausschliesslich als organisatorische Schwierigkeit gesehen, sondern konnten zum Ausdruck eines individuellen Geschmacksprofils werden.
Die Bezeichnung «Third Wave» wurde Anfang der 2000er-Jahre durch die amerikanische Rösterin Trish Rothgeb (damals Trish Skeie) verbreitet. Ihr Blick war auch von der skandinavischen Kaffeeszene geprägt. Das zeigt: Die dritte Welle ist kein rein amerikanisches Phänomen und entstand nicht durch einen einzigen Betrieb.
Kaffeekultur und Konsumverhalten. Mit den neuen Angeboten rückten neben dem Geschmack auch Herkunft, Anbauweise, Zertifizierungen, Gestaltung und die Werte eines Unternehmens stärker ins öffentliche Interesse. Solche Merkmale können für Käufer wichtig sein, sind aber nicht mit sensorischer Qualität gleichzusetzen. Auch Status, Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach Authentizität können Konsumentscheidungen beeinflussen. Diese sozialwissenschaftlichen Erklärungen sind Deutungsansätze, keine Messung darüber, wie gut jemand Kaffee schmeckt.
Gleichzeitig blieb das Café ein sozialer Ort. Selbst wenn guter Kaffee zu Hause oder im Büro zubereitet werden kann, bietet das Kaffeehaus Begegnungen, Atmosphäre und Service. Die verschiedenen Wellen existieren deshalb heute nebeneinander: industrielle Produkte, klassische Espressobars und herkunftsorientierte Spezialitäten erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse.
Quellen: E. V. L. Illy (2011), The Evolution of American Coffee Consumption, Masterarbeit, insb. Kap. 3–6 (historische Analyse, Stand 2011); mit Bezug auf Nancy F. Koehn (2005), Howard Schultz and Starbucks Coffee Company; Bryant Simon (2009), Everything but the Coffee; Thorstein Veblen (1899/2007), The Theory of the Leisure Class (Interpretationsrahmen). Ergänzend: UC Davis Library, Second Wave – https://library.ucdavis.edu/exhibit/brewed-awakening/second-wave/; Peet’s, Chronik – https://www.peets.com/pages/timeline; Los Angeles Times (2019), Trish Rothgeb und der Begriff «Third Wave» – https://www.latimes.com/food/story/2019-10-04/third-wave-coffee-trish-rothgeb
Kaffee in der Kunst und im Denken
Kaffee war nie ausschliesslich ein Getränk für den privaten Alltag. Seine Kaffeehäuser wurden zu Räumen, in denen Musiker, Schriftsteller und Künstler einander begegneten, arbeiteten und diskutierten. Damit hinterliess Kaffee Spuren in der europäischen Kulturgeschichte – oft weniger als Motiv der Kunst denn als Teil ihrer Entstehungsbedingungen.
Ein besonders heiteres Zeugnis ist Johann Sebastian Bachs «Kaffeekantate» BWV 211, entstanden um 1734 in Leipzig. In der kleinen musikalischen Komödie streitet eine junge Frau mit ihrem Vater über ihre Liebe zum Kaffee. Das Werk macht deutlich, wie sehr der Kaffeegenuss damals bereits zum gesellschaftlichen Gesprächsstoff geworden war.
Auch die Pariser Cafés des 19. Jahrhunderts waren Treffpunkte von Künstlern und Autoren. Édouard Manet, Edgar Degas und ihre Zeitgenossen nutzten sie als Orte des Austauschs und als Motive ihrer Bilder. Das Metropolitan Museum of Art dokumentiert, welche Rolle solche Begegnungen für ihre Arbeit spielten.
Vielleicht ist das der kulturelle Reiz des Kaffees: Er schafft eine kleine Pause, in der etwas anderes beginnen kann – ein Gespräch, ein Gedanke oder eine neue Idee.
Quellen: Netherlands Bach Society, Kaffeekantate BWV 211: https://www.bachvereniging.nl/en/bwv/bwv-211; Metropolitan Museum of Art, Manet/Degas, Visiting Guide: https://www.metmuseum.org/de/exhibitions/manet-degas/visiting-guide
Kapitel K · Nachhaltigkeit
Was Zertifizierungssiegel bedeuten – und was nicht
Beim Kaffee sollte man drei Fragen unterscheiden: Wie wird der Kaffee gehandelt? Wie werden Produzenten und Beschäftigte behandelt und vergütet? Und wie wird die Umwelt am Anbauort geschützt? Direct Trade ist eine Form der Geschäftsbeziehung, keine einheitlich zertifizierte Handelsregel. Fairtrade und Rainforest Alliance verbinden wirtschaftliche, soziale und ökologische Anforderungen mit jeweils unterschiedlicher Architektur. Bio und Demeter definieren vor allem Regeln für die landwirtschaftliche Produktion.
Fairtrade International ergänzt die Handelsbedingungen mit einem Mindestpreis als Sicherheitsnetz und einer gesonderten Prämie für die Produzentenorganisation. Rainforest Alliance kennt für Kaffee keinen vergleichbaren universellen Mindestpreis, kombiniert jedoch unabhängig überprüfte Umwelt- und Sozialanforderungen mit einer ausgehandelten Zusatzprämie. Auch Fairtrade enthält Umweltstandards, und Rainforest Alliance ist nicht ausschliesslich ein Umweltsiegel.
Ein Zertifikat gilt nicht automatisch für eine gesamte Marke, jedes Produkt oder alle Farmen. Bei einer konkreten Aussage muss sich nachvollziehen lassen, welcher Betrieb, welche Lieferkette und welche Ware unter einem gültigen Standard geführt werden. Ohne Siegel lässt sich daraus umgekehrt weder eine gute noch eine schlechte Bewirtschaftung ableiten: Es fehlt zunächst der entsprechende formalisierte Nachweis. Auf Qualität in der Tasse lässt sich aus dem Logo allein nicht schliessen.
Quellen: Fairtrade International – https://www.fairtrade.net/ch-de/was-ist-fairtrade/fairtrade-ansatz/standards/mindestpreise-praemien.html; Rainforest Alliance, Premium Annex v1.4 – https://knowledge.rainforest-alliance.org/docs/premium-annex-v14; Europäische Kommission, Bio-Recht – https://agriculture.ec.europa.eu/farming/organic-farming/legislation_en; Demeter International, Standard 2026 – https://demeter.net/certification/standard/.
Fairtrade und Rainforest Alliance – unterschiedliche Wege zu mehr Verantwortung
Fairtrade und Rainforest Alliance sind keine Handelshäuser, die den gesamten Kaffee selbst ankaufen. Es handelt sich um Zertifizierungssysteme mit Regeln für Produzenten und weitere Beteiligte der Lieferkette. Beide berücksichtigen soziale und ökologische Aspekte – mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Instrumenten und Schwerpunkten.
Fairtrade – ein Preisnetz und eine gemeinschaftliche Prämie
Bei Fairtrade International ist der Mindestpreis für Kaffee ein Sicherheitsnetz. Liegt der massgebliche Marktpreis höher, gilt grundsätzlich der höhere Preis; zusätzliche Qualitätsaufschläge können ausgehandelt werden. Für gewaschenen Arabica beträgt der Mindestpreis im Oktober 2026 1,80 US-Dollar je Pfund Rohkaffee; ab dem 1. Dezember 2026 steigt er auf 2,00 US-Dollar. Die zusätzliche Fairtrade-Prämie liegt bei 0,20 US-Dollar je Pfund. Ein Bio-Aufschlag kommt unter den entsprechenden Voraussetzungen hinzu.
Für Kaffee erfolgt die Fairtrade-Zertifizierung bei Fairtrade International überwiegend über organisierte Kleinproduzentengruppen. Die gesonderte Fairtrade-Prämie wird an die Produzentenorganisation gezahlt, deren Mitglieder demokratisch über Projekte oder Verwendungen entscheiden. Das ist nicht dasselbe wie eine automatische Barauszahlung des gesamten Prämienbetrags an jeden einzelnen Bauern. Ein gemeinschaftlich finanzierter Zugang zu Aufbereitungstechnik, Ausbildung oder Infrastruktur kann aber unmittelbar den Produzenten zugutekommen.
Wie sich Mindestpreise und Qualität begegnen
Ein Mindestpreis schützt vor einem Teil des Preisrisikos, ersetzt jedoch keine individuelle Qualitätsbewertung. Wirtschaftswissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass ein einheitlicher Preisboden bei heterogenen Qualitäten unter bestimmten Marktbedingungen die Auswahl des Verkaufskanals beeinflussen kann: Besonders attraktive Partien finden mitunter ausserhalb des zertifizierten Kanals hohe Qualitätsaufschläge. Das ist ein möglicher Anreizmechanismus, kein Nachweis dafür, dass Fairtrade-Kaffee generell weniger gut wäre oder grundsätzlich stärkere Qualitätsschwankungen aufwiese. Die Fairtrade-Regeln erlauben ausdrücklich zusätzliche Qualitätsdifferenziale.
Rainforest Alliance – Landwirtschaft und Lieferkette mit verhandelter Prämie
Rainforest Alliance legt Anforderungen an die landwirtschaftliche Praxis und die Lieferkette fest, darunter Kriterien für Umwelt, Ökosysteme, Arbeitsbedingungen und das Management von Risiken. Für Kaffee schreibt der Standard keinen allgemeinen Mindestpreis vor. Der Einkaufspreis und Qualitätsdifferenziale werden verhandelt; eine zusätzliche Nachhaltigkeitsprämie wird gesondert vereinbart und dokumentiert. Nach den seit 2026 geltenden Vorgaben müssen zertifizierte Produzentengruppen grundsätzlich mindestens 40 Prozent der erhaltenen monetären Prämie an ihre Mitglieder weitergeben. Das ist von der jeweiligen Bezahlung für den Rohkaffee zu unterscheiden.
Damit sind Rainforest Alliance und Direct Trade keine Gegensätze. Ein Röster kann persönlich mit Produzenten verhandeln und dennoch Kaffee einkaufen, dessen landwirtschaftliche Produktion unabhängig zertifiziert ist. Umgekehrt kann Rainforest-Alliance-zertifizierter Kaffee über einen Importeur oder Händler geliefert werden.
Was bei der Wahl eines Systems zählt
Keines der beiden Siegel garantiert automatisch den Geschmack einer Partie, einen über mehrere Jahre unveränderten Blend oder ein existenzsicherndes Einkommen in jedem einzelnen Betrieb. Dafür sind neben den geprüften Standards konkrete Kaufpreise, Qualitätsvereinbarungen, transparente Geldflüsse und die tatsächliche Situation der Produzenten entscheidend.
Bei Amici: Wir wählen für unseren Blend die einzelnen Partien nach ihrer Qualität und ihrer Funktion im Gesamtprofil aus und verhandeln die entsprechenden Einkaufsbedingungen. Für die zugekauften Kaffees, bei denen wir mit Rainforest-Alliance-Zertifizierung arbeiten, passt der Standard zu unseren Prioritäten: Die Qualität wird individuell beurteilt und vergütet, während ein unabhängiger Rahmen zusätzlich soziale und ökologische Anforderungen absichert. Unsere eigenen Anbauprojekte beschäftigen sich gleichzeitig intensiv mit Agroforstwirtschaft, Wiederaufforstung und Biodiversität. Wir verstehen diese Wege als ergänzend, nicht als Wettbewerb um das vermeintlich beste Siegel.
Quellen: Fairtrade International, Mindestpreise und Prämien (2026) – https://www.fairtrade.net/ch-de/mach-mit/news/neue-mindestpreise-fuer-fairtrade-kaffee.html; Fairtrade International, Regeln und Qualitätsdifferenziale – https://riskmap.fairtrade.net/salient-issues/living-income; Rainforest Alliance, Premium Annex v1.4 – https://knowledge.rainforest-alliance.org/docs/premium-annex-v14; Rainforest Alliance, Shared Responsibility – https://knowledge.rainforest-alliance.org/docs/race-to-the-top-our-new-approach-to-shared-responsibility; de Janvry, McIntosh & Sadoulet (2010), Fair Trade and Free Entry – https://gspp.berkeley.edu/research-and-impact/working-papers/fair-trade-and-free-entry-the-dissipation-of-producer-benefits-in-a-disequi.
Bio und Demeter – zwei Standards für die Landwirtschaft
Während Direct Trade Geschäftsbeziehungen und Fairtrade sowie Rainforest Alliance unterschiedliche Standards entlang der Lieferkette beschreiben, beziehen sich Bio und Demeter vor allem auf die Art des landwirtschaftlichen Anbaus. Diese Kategorien lassen sich kombinieren: Ein Kaffee kann gleichzeitig biologisch erzeugt, direkt gehandelt und unter weiteren Nachhaltigkeitsregeln zertifiziert sein.
Bio – geprüfte Regeln für die ökologische Produktion
Die Bezeichnung «Bio» ist in Europa an rechtliche Vorschriften und Kontrollen gebunden. Die EU-Verordnung 2018/848 regelt unter anderem den Umgang mit Betriebsmitteln, den Schutz natürlicher Ressourcen und die Zertifizierung. Für importierte Produkte gelten weitere Vorgaben zur Anerkennung und Kontrolle. Ein biologisch bewirtschafteter Betrieb kann ohne entsprechende Zertifizierung nicht automatisch seinen Kaffee als zertifizierten Bio-Kaffee vermarkten.
Bio sagt nichts unmittelbar über den Verkaufspreis, die Verteilung von Handelsmargen oder die sensorische Qualität in der Tasse. Auch der Grad der Beschattung lässt sich aus dem Bio-Zeichen allein nicht ablesen. Diese Merkmale benötigen eigene Informationen.
Demeter – biodynamische Bewirtschaftung mit zusätzlichen Anforderungen
Demeter ist ein privater Zertifizierungsstandard für biologisch-dynamische Landwirtschaft. Er baut auf Bio-Anforderungen auf und enthält zusätzliche Vorgaben, etwa zur Entwicklung des landwirtschaftlichen Betriebs als Gesamtsystem und zu biodynamischen Präparaten. Neben den landwirtschaftlichen Anforderungen führt Demeter auch Sozialregeln. Betriebe werden zusätzlich zur Bio-Kontrolle nach den Demeter-Vorgaben überprüft. Ob ein konkretes Kaffeeprodukt Demeter-zertifiziert ist, muss mit gültigen Unterlagen zur Farm und Produktkette belegt werden.
Bei Amici: Auf der Finca Mariposa in Peru arbeiten wir nach biodynamischen und agroforstlichen Grundsätzen; Fiadanana in Madagaskar wird nach entsprechenden Prinzipien entwickelt. Die landwirtschaftliche Ausrichtung und der jeweilige Zertifizierungsstatus sind dabei zwei unterschiedliche Informationen. Welche Farm oder Kaffeecharge unter welchem Siegel zertifiziert ist, wird deshalb standort- beziehungsweise produktspezifisch ausgewiesen.
Quellen: Europäische Kommission, Verordnung (EU) 2018/848 und Kontrollen – https://agriculture.ec.europa.eu/farming/organic-farming/legislation_en; https://agriculture.ec.europa.eu/farming/organic-farming/controls_en; Demeter International, International Demeter Biodynamic Standard 2026 und Social Responsibility Standard – https://demeter.net/certification/standard/.